Dr. Adolph Herting (1896-1987)
Schleswigs zweiter nationalsozialistischer Bürgermeister
von Falk Ritter, Schleswig 1999


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Veröffentlicht: Ritter, F.: Dr. Adolph Herting (1896-1987) - Schleswigs zweiter nationalsozialistischer Bürgermeister. Beiträge der Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte 44, 1999, S. 75-104.

"Hinweis" des Editors:
"Vorstand und Redaktions-Auschuß der Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte haben sich über ein Jahr lang intensiv mit der folgenden Arbeit befaßt. Sie haben alle Aspekte einer möglichen Veröffentlichung geprüft; sie sind jetzt zur Entscheidung gekommen, den Aufsatz von Dr. Falk Ritter in den `Beiträgen zur Schleswiger Stadtgeschichte´ zu veröffentlichen, obwohl sie mit manchen Einzelheiten der Darstellung und der Formulierung nicht übereinstimmen.
Vorstand und Redaktions-Ausschuß bitten die Mitglieder der Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte, sich selbst ein grundlegendes Urteil zu bilden.
Reimer Pohl"
[1. Vorsitzender und komm. Redaktionsleiter]

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
2. Dr.Herting, der Privatmann und Zahnarzt
3.1 Die Anfänge der NSDAP im Kreis Schleswig
3.2 Dr.med. Ernst Paulsen
3.3 Jochen Meyer-Quade
3.4. Dr.med. Erich Straub
3.5. Dr.phil.Fritz Michel
3.6 Die Schleswiger NSDAP und einige ihrer Aktivitäten
4.1 Dr.Herting, der Ortsgruppenleiter
4.2 Hans Bernsau
4.3 Dr.Herting, der kommissarische Kreisleiter und Fraktionsführer
5. Dr.Herting, der kommissarische Bürgermeister
6. Schlei-Segel-Club (SSC) und Marine-SA
7.1 Dr.Herting, der NS-Propagandist
7.2 Dr.Hertings Militarismus
7.3 Dr.Hertings "Nationalsozialistische Gedanken"
7.4 Statistik des Antisemitismus in Schleswig 1930-1933
7.5 Die jüdische Familie Weinberg
7.6 "Bestes Menschenmaterial"
7.7 Kein Recht auf Existenz für Nichtdeutschblütige
7.8 Die Wähler
7.9 Das Sterilisationsgesetz
8.1 Die Entnazifizierung
8.2 Bewertung von Dr.Hertings Aussagen im Entnazifizierungsverfahren
8.3 Die Leumundszeugnisse
9. Mit dem Röhm-Putsch war alles vorbei?
10. Ergebnis, Anmerkungen, Nachweis der Abbildungen

1. Einleitung

Dr.Adolph Herting führte von 1953 bis 1973 mit seinem ältesten Sohn Dr.Hans-Adolph Herting eine zahnärztliche Gemeinschaftspraxis. Um die beiden zu unterscheiden, wurden sie von ihren Patienten immer "Der alte Dr.Herting" und "Der junge Dr.Herting" genannt. Dr.Adolph Herting (Abb.1) hat sich als Zahnarzt durch die Einführung der Schulzahnuntersuchungen (1936), die Gründung des Zahnärztevereins (1954) und die Errichtung der Zahnstation im Landeskrankenhaus Hesterberg (1973) einen Namen gemacht. Für das Verständnis der nationalsozialistischen Machtergreifung in Schleswig stellt er eine Schlüsselfigur dar, die von früheren Autoren noch nicht in ausreichendem Maße gewürdigt wurde. Dies gilt insbesondere für seinen jüngsten Sohn Dietrich, der für Dr.Hertings Zeit als Politiker keine eigenen nachprüfbaren Quellen beisteuert 1). Der Verfasser hat Dr.Herting nur einmal flüchtig gesehen. Da er aber den selben Beruf im selben Stadtteil wie vor ihm Dr.Herting ausübt, kennt er die Einstellung einiger seiner Patienten. Insbesondere die älteren sprachen über ihn mit großem Respekt. Manche erwähnten, hinter vorgehaltener Hand bedeutungsvoll nickend, mit etwas leiserer Stimme, daß "er im Dritten Reich einmal ein ganz Großer war". Auch gab es für den Verfasser warnende Stimmen, die ausdrücklich nicht namentlich zitiert werden wollten: "Lassen Sie die Finger vom alten Dr.Herting! Sie könnten sich selbst schaden!" Bedenkt man die Konflikte anläßlich der ersten Veröffentlichung über Dr.Herting, dann waren solche Warnungen durchaus berechtigt. Der Verfasser hat sich einen Überblick über die Schleswiger Nachrichten" (SN), den "Schleiboten" und die "Friedrichstädter Zeitung" verschafft 2), die er von ihren Anfängen bis 1954 mehr oder weniger intensiv gelesen hat, weshalb er folgende Aussage machen kann: Dr.Hertings schriftlicher Niederschlag in den SN war außergewöhnlich zahlreich und in seiner Form einmalig im Kreis Schleswig. Das ist ein großer Gewinn für das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, vor allem deshalb, weil Dr.Herting seine nationalsozialistischen Gedanken und Gefühle in der Öffentlichkeit ausbreitete.

2. Dr.Herting, der Privatmann und Zahnarzt

Adolph Herting wurde am 4. Oktober 1896 in Schleswig als Sohn des Kaufmanns Carl Herting und seiner Frau Frieda, geb. Möller, geboren. Carl Herting führte ein Einzelhandelsgeschäft in der Süderholmstr. 8. In Inseraten bot er "Möweneier auch zum Versand", Gesundheitsbier, Malzbier, Fußbodenöl und Mineralwasser an 3). 1913 setzte er sich im Wahlkampf für die "Fortschrittliche Volkspartei" ein 4). Nach dem Kapp-Putsch 1920 wurde Carl Hertings Haus nach Waffen durchsucht 5). Bis kurz vor seinem Tode 1929 gab er in seiner Eigenschaft als Kassierer des "Vereins zur gegens. Unterstützung bei Sterbefällen" regelmäßig Anzeigen 6) in der SPD-eigenen Volkszeitung auf. Zusammen mit seiner vier Jahre älteren Schwester Paula wuchs Adolph Herting auf dem Holm auf, über den er später den Artikel "Holmer Jungs und Deerns" schrieb 7). Er wurde 1,80 Meter groß und war schlank 8). Er besuchte die Domschule, wo er im Februar 1914 das Abitur ablegte, schlug in Wilhelmshaven die Laufbahn eines Marinezahlmeisters ein, brach diese aber ab, um sich in Kiel in Medizin zu immatrikulieren 9). Am 1.Weltkrieg nahm Adolph Herting als Freiwilliger im Sanitätsdienst teil, wo er für seine Tapferkeit das EK II erhielt 10). Ab 1919 studierte er in Kiel und Marburg Zahnmedizin und promovierte 1921 zusammen mit Johannes Marcussen in Kiel mit einer Reihenuntersuchung der Zähne von 3018 Schulkindern aus Schleswig und den umliegenden Dörfern 11) zum "Doctor medicinae dentium". Seine Assistenzzeit verbrachte er in Stettin, wo er seine zukünftige Frau Gertrud Kaintoch kennenlernte und am 15. April 1922 heiratete. Bis 1936 gebar sie ihm vier Töchter und zwei Söhne. 1921 übernahm Dr.Herting in Brake an der Unterweser eine Praxis. 1927 zog er wieder nach Schleswig und übernahm in der Friedrichstr. 8 vorübergehend Praxisräume, die vor ihm der Dentist Ulrich Anthon, nach ihm der Dentist Johannes Moritzen sen. innehatte. Am 10. November 1928 eröffnete er seine Praxis in der Bahnhofstr.2. Die Ortskrankenkasse Schleswig gab 1931 seine Kassenzulassung bekannt 12). Ein Praxisumzug ist immer ein wichtiges Ereignis, doch wir wissen nicht, warum Dr.Herting zuerst in Brake und dann erst in Schleswig seine Praxis eröffnete. Es gibt dafür aber einige Hinweise:

- Die Niederlassungsfreiheit war für Zahnärzte eingeschränkt. So mußte Dr.Herting nehmen, was er bekommen konnte.
- Brake liegt unweit von Wilhelmshaven, wo er vor dem Kriege anläßlich seiner Ausbildung zum Marinezahlmeister stationiert war 13). Die Landschaft nördlich von Oldenburg war ihm somit vertraut.
- Er segelte gern, was er auf der fast einen Kilometer breiten Weser tun konnte 14).
- Als der Verfasser Dr.Hertings winziges Haus 15) (Abb.2) in Brake zum ersten Mal sah, fühlte er sich an die kleinen Häuser auf dem Schleswiger Holm erinnert.

Wir wissen auch nicht, warum Dr.Herting von Brake wieder fortzog, aber die engen Platzverhältnisse in dem winzigen Haus haben nach der Geburt des dritten Kindes sicher dazu beigetragen. Sein Haus in der Bahnhofstaße ist dagegen sehr geräumig.

Dr. Hertings Haus in Brake

Dr.Herting muß ein Energiebündel gewesen sein, denn neben seinem Beruf und seinem starken politischen Engagement für die NSDAP Anfang der 30er Jahre fand « er noch Zeit, auf zahnmedizinischem Gebiet zu forschen. So stellte er 1933 in einer zahnärztlichen Fachzeitschrift einen selbstentwickelten "Druckablenker" vor, der einen "Beitrag zur Entlastungstherapie" bei Paradentose und nächtlichem Knirschen darstellen sollte 16). Im Dezember 1934 machte er mehrere Eingaben an staatliche Behörden in Schleswig. Er legte dar, daß er bei einer Untersuchung in drei Schulen im Kreis Schleswig viele Kinder mit verfallenen Zähnen gefunden habe und schlug vor, schulzahnärztliche Behandlungen auf dem Lande einzuführen. Sein Kostenvoranschlag zwecks Anschaffung einer "automobilen Zahnpflegestation" wurde mit dem Hinweis auf eine "finanzielle Sperrverordnung" abgelehnt 17). Am 25. Januar 1936 berichteten die SN über einen Elternabend in der Lornsenschule, an dem Dr.Herting sein Konzept der Schulzahnuntersuchungen vorgestellt hatte (Vgl. Kapitel 7.6). Wie den Akten zu entnehmen ist, sollten die Zahnärzte - nicht die Dentisten 18) - die Schüler in ihren Schulen untersuchen. Dieses wurde tatsächlich verwirklicht, doch wurden die Zahnärzte entgegen ihrer Erwartungen dafür nicht bezahlt. Nur die Fahrtkosten wurden ihnen ersetzt, worüber sie wohl kaum begeistert waren.
Mit Ausbruch des 2.Weltkrieges wurde Dr.Herting in die Wehrmacht eingezogen und in Frankreich als Zahnarzt eingesetzt. 1945 kam er in St .Nazaire für ein Jahr in französische Kriegsgefangenschaft. Seine Praxis wurde zwischenzeitlich von dem Kollegen Dr.Gronert weitergeführt 19). 1949 nahm Dr.Herting seine zahnärztliche Tätigkeit wieder auf und 1954 las man in den SN wieder über einen Vortrag zur Zahngesundheit von ihm 20).
In der Nachkriegszeit wurden viele Vereine gegründet, so auch der "Zahnärzteverein des Kreises Schleswig" am 29. Mai 1954. Dr.Herting wurde sein erster 1. Vorsitzender 21). Es gab ein neues Zahnheilkundegesetz, das zur Folge hatte, daß die Dentisten nach einem Aufbaulehrgang in die Zahnärzteschaft übernommen wurden. Für die Patienten war jetzt der Doktorgrad - von einigen Ausnahmen abgesehen - ein grobes Unterscheidungsmerkmal dafür, ob sie sich in die Hände eines Zahnarztes oder eines ehemaligen Dentisten begaben. Im Vorstand des Zahnärztevereins arbeitete Dr.Herting mit Dr.Johannes Trahn (Abb.3) und dem ehemaligen Dentisten Johannes Viohl zusammen. Dr.Trahn hatte seine Praxis im Lollfuß schon seit 1913. Er stand Dr.Herting politisch relativ nah, war er doch in der sogenannten "Kampfzeit" der 30er Jahre Ortsgruppen- und Kreisführer vom "Stahlhelm" gewesen. Johannes Viohl war von 1933 bis 1944 NSDAP-Ortsgruppenleiter von Kropp 22).
Es gab es nur wenige Posten innerhalb der Zahnärzteschaft, die Dr.Herting nicht bekleidet hatte. So wurde er auch Mitglied der Zahnärztekammer, der Vertreterversammlung der Kassenzahnärztlichen Vereinigung und Beisitzer im Berufsgericht. Wenn Dietrich Herting behauptet, daß sein Vater das Amt des Beisitzers im Berufsgericht der Zahnärztekammer "nur mit äußerstem Unbehagen ausübte" 23), so irrt er sich. Dieses Amt wird einem Kammermitglied nicht aufgezwungen. Nur wenn man sich dazu bereiterklärt, kann man dort hineingewählt werden.
1970 starb Dr.Hertings Frau. 1971 gab die Zahnärztekammer zum ersten Male eine silberne Ehrenmedaille heraus. Sie war für Kollegen gedacht, die sich auf Landesebene verdient gemacht hatten. Dr.Herting war der erste, der sich damit schmücken konnte 24). Die goldene Medaille war für die "Bundesebene" vorgesehen. Seit 1953 betrieb Dr.Herting seine Praxis in Gemeinschaft mit seinem Sohn Dr.Hans-Adolph Herting. 1973 zog sich der Senior nicht nur aus der Praxis zurück, sondern gab auch das Amt des Vereinsvorsitzenden ab. Dr.Herting war zwar schon 77 Jahre alt, aber immer noch voller Tatendrang.
Da kam ihm Professor Meyerhoff, der Direktor der Kinderabteilung des Landeskrankenhauses in Schleswig, kurz "Hesterberg" genannt, wie gerufen. Prof. Meyerhoff wollte etwas für die Zähne seiner Zöglinge tun, über die der Schleswiger Zahnarzt Dr.Julius Doll bereits 1921 eine Doktorarbeit mit dem Titel: "Die Zahn- und Kieferanomalien der Pfleglinge in der Provinzial - Idiotenanstalt Schleswig Hesterberg, ein Beitrag zu Idiotie und Gebiss." geschrieben hatte 25). Ein Behandlungszimmer wurde eingerichtet und Dr.Herting behandelte die "unruhigen" Patienten dort in Vollnarkose 26). Die "ruhigen" Patienten wurden turnusmäßig von Kreisvereinskollegen mit oder ohne Lokalanästhesie saniert. Bis 1981 machte er das, da war er bereits 85 Jahre alt. Aber er hatte immer noch Energie.
Er hatte schon als Soldat im 1. Weltkrieg gemalt, jetzt nahm er Malunterricht bei seinem Schwiegersohn Rolf Heckt. Und anläßlich seines 90. Geburtstages wurde Dr.Herting zu Ehren sogar eine Vernissage abgehalten, die Dietrich Herting nicht erwähnt 27). Aber ein Schleswiger Zeitungsreporter hat das Ereignis festgehalten: "Aus Anlaß des 90. Geburtstages ihres Vaters, des Zahnarztes Dr.Adolph Herting, Schleswig, stellte die Galeristin Oda Heckt-Herting in ihrer "Lütt Galerie" in Füsing ihn als malenden Zahnarzt mit Zeichnungen und vielen kleinformatigen Ölbildern vor. Die ersten Zeichnungen - so Oda Heckt-Herting in ihrer Einführung - seien bereits 1916 entstanden. Sie habe ihr Vat er als Sanitätsunteroffizier in einem Lazarett wohl mehr aus Langeweile gefertigt." 28)
Dietrich Herting schildert seinen Vater als einen religiösen Menschen 29). Nach den Informationen, die dem Verfasser zugängig sind, schien sich Dr.Herting erst ab 1935 religiös engagiert zu haben. Dabei suchte er nicht die Nähe zur etablierten Kirche, die ihn getauft hatte, sondern zu Außenseitern. Wie die Kriminalpolizei 1935 vermerkte 30), nahm er an einer Ludendorff-Veranstaltung teil. Diese Bewegung geht auf Mathilde Ludendorff zurück, die Ehefrau des 1. Generalquartiermeisters Erich Ludendorff. Die Elemente dieser Sekte könnte man ganz kurz so beschreiben: Christentum minus Judentum plus Germanentum plus Rassismus. In einem politischen Aufsatz 1932 nannte Dr.Herting sie noch verächtlich "Tannenbaum-Sekte", weil sie den Religionskampf ins Volk tragen wolle 31). Bald wurde auch diese Bewegung von den Nationalsozialisten unterdrückt und so nannte er sich "gottgläubig" 32). Sein Kirchenaustritt 1937 33) fand f auf dem Höhepunkt der nationalsozialistischen antikirchlichen Propaganda statt, auf die Papst Pius XI ziemlich hilflos mit der Enzyklika "Mit brennender Sorge" reagiert hat. 1945 kehrte Dr.Herting wieder in die Kirche zurück 34). Im Alter beschäftigte er sich mit den Rosenkreutzern, einer den Freimaurern ähnlichen Loge, die auch jüdische Elemente enthält 35). In seinem "Suchen" nach "Wahrheit und Lebenssinn ... hat er ... seinen Weg zu Jesus gefunden.", so die Meinung seines Sohnes 36). Dr.Adolph Herting starb am 27. November 1987.

3.1 Die Anfänge der NSDAP im Kreis Schleswig

Die NSDAP-Stadtverordnetenfraktion 1933, von links nach rechts;
vordere Reihe: Dr.Herting, Peter Hinrichsen, Hinrich Blum, Willi Koll
hintere Reihe: Karl Reusch, Willy Stadelmann, Heinrich Lausen, Heinrich Peters, Nikolaus Asmussen, Dr.Hans Dehning, Willy Jensen

Antisemitische Wahlpropaganda gab es im Kreis Schleswig schon 1912 37), setzte sich nach dem Kriege fort 38) und gipfelte 1921 im ersten Hakenkreuz des "deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes" 39). 1924 luden die Vorläufer der NSDAP zu Versammlungen ein 40), erlangten bei den Wahle aber nur geringe Anteile. Die Gründung der ersten Ortsgruppe im Kreis erfolgte am 1. März 1925 in Tolk. Stammlokal war das "Haus Waldlust" am Langsee. Die Gruppengröße stagnierte lange auf niedrigem Niveau, was sich erst änderte, als am 2. August 1928 eine fünfköpfige Sturmabteilung (SA) mit Hans Roos (Abb.3) als Scharführer aufgestellt wurde. Ende des Jahres 1928 rundete eine ebenso starke "Hitler-Jugend" die nationalsozialistische Keimzelle ab 41).

3.2 Dr.med. Ernst Paulsen

In Schleswig hatte die NSDAP in den zwanziger Jahren einen schweren Stand. Die Ortsgruppe wurde 1925 von dem Kieler Arzt Dr.Ernst Paulsen 42) gegründet, der seine meist auswärtigen Mitglieder aus der "Höheren Lehranstalt für praktische Landwirte" rekrutierte 43). Er selbst arbeitete an der Schleswiger Landes-Heil- und Pflegeanstalt.

3.3. Jochen Meyer-Quade

Nach Dr.Paulsens Tod im Jahre 1927 wurde Jochen Meyer-Quade (Abb.3) sein Nachfolger und im folgenden Jahr auch Kreisleiter. Meyer-Quade war landwirtschaftlicher Inspektor und Schriftleiter der "Norddeutschen Landwirtschaftlichen Zeitung" 44). Im Juli 1927 stellte er den Schleswiger SA-Sturm 7 auf. 1933 avancierte er zum Landrat des Kreises Schleswig 45) und 1934 wurde ein Schleidampfer nach ihm benannt 46). Weitere Daten aus Meyer-Quades Vita: 1897 in Düsseldorf geboren, Weltkrieg I-Teilnehmer, EK I, Karriere bei der SA bis zum Obergruppenführer, Mitglied des preußischen Land- und Reichstages, 1934 Polizeipräsident von Kiel und Beisitzer im Volksgerichtshof 47). Am 9. November gab er von München aus telefonisch das Startsignal für die "Reichskristallnacht" in Schleswig-Holstein 48). Meyer-Quade fiel gleich als einer der ersten Soldaten im Polenfeldzug.

3.4 Dr.med. Erich Straub

Bei den Kommunalwahlen im November 1929 errangen die Nationalsozialisten im Kreis Schleswig 28,2 % und in der Stadt 12,2 % der Stimmen. Dr.Erich Straub (Abb.4) 49), 1885 in Durlach geboren, seit 1919 Arzt in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Schleswig, zog als erster NSDAP-Abgeordneter 1929 in das Schleswiger Rathaus ein 50). 1933 stieg er zum "Landesrat" in Kiel auf, und von 1941-1943 war er im Rahmen der "Aktion T4" Euthanasie-Gutachter in Berlin. Gegen Kriegsende kam er ums Leben 51).

3.5 Dr.phil. Fritz Michel

Wichtig für den Aufstieg der NSDAP war Dr.Fritz Michel (Abb.5), der Hauptschriftleiter der "Schleswiger Nachrichten" (1923 bis 1936) 52). Seine Sympathie für die NSDAP konnte man seiner Berichterstattung in den SN zum Kommunalwahlkampf seit dem 30.9.1929 entnehmen. Im Jahre 1931 begann Dr.Michel, die NSDAP offen zu unterstützen. Zwischen 1933 und 1935 war er für drei nationalsozialistische Anprangerungen in seiner Zeitung verantwortlich, die die betroffenen Personen in große Schwierigkeiten brachten 53). Mitglied der NSDAP wurde er erst am 1. Mai 1933, und als solches leitete er am 23. Juni 1933 die Bücherverbrennung auf dem Stadtfeld.
Weitere Daten über Dr.Michel: 1895 in Dortmund geboren, Weltkrieg I-Teilnehmer, EK II. Von 1937 bis 1941 arbeitete er als Hauptschriftleiter des NSDAP-Organs "Nordische Rundschau" in Kiel. Zusammen mit dem Gauleiter Lohse ging er 1941 nach Riga, wo er bis Ende 1944 die "Deutsche Zeitung im Ostland" leitete. Nach einem kurzen Intermezzo in Magdeburg 1945 wurde er nach dem Kriege zwei Jahre lang von der britischen Besatzungsmacht interniert 54). Sein Entnazifizierungsverfahren ergab die Einstufung in die Kategorie IV (Mitläufer). Von 1949 bis 1965 leitete er erneut die Redaktion der SN. Außerhalb seines Berufes ging Dr.Michel seinen literarischen Neigungen nach, die durch Gedichte und Reisebeschreibungen belegt sind 55). Er starb 1978 56).

3.6 Die Schleswiger NSDAP und einige ihrer Aktivitäten 1932-1938

Ein überwältigender Erfolg für die Nationalsozialisten wurde die Reichstagswahl vom 31. Juli 1932. Die NSDAP errang in der Stadt Schleswig 50,7 %, im Kreis Schleswig 77,4 % der Stimmen. Abgesehen von der SPD-Hochburg am Gallberg konnte überall im Kreis Schleswig das Hakenkreuz zum Zeichen des Sieges gehißt werden 57). Bei der Kommunalwahl am 12. März 1933 errang die NSDAP mit zehn von 18 Sitzen im Rathaus die absolute Mehrheit.

Flaggenhissung vor dem Refierungsgebäude am 6.3.1933
1. Reihe vorne von links: Meyer-Quade, Christian Schmidt, Boecker, Dr.Herting, Dr.Trahn,

Vom 31. März bis 5. April 1933 berichteten die SN über die Durchführung des Boykotts jüdischer Geschäfte in Schleswig 58). Am 19. Juni 1933 "wurde in Schleswig ein älterer Mann von SA-Leuten durch die Strassen der Stadt geführt. Auf der Brust hatte er ein Plakat mit der Inschrift: ,Halsabschneider´, auf dem Rücken mit der Aufschrift ,Wucherer´" 59). In der "Reichskristallnacht" am 9./10. November 1938 rotteten sich SA-Leute in Schleswig vor dem sogenannten "Judenhus" am Hesterberg 4 zusammen, um zu randalieren, mußten aber wieder unverrichteter Dinge abziehen, weil es dort keine Juden gab 60).

4.1 Dr.Herting, der Ortsgruppenleiter

Am 1. November 1929, drei Wochen vor den Kommunalwahlen und eine Woche nach dem Börsensturz in New-York, trat Dr.Herting in die Schleswiger NSDAP als Mitglied Nr.159.752 ein 61). Als Begründung für seinen Beitritt konnte man 1934 in den SN lesen: "In Zeiten der Not des Vaterlandes und des Volkes sei es Pflicht für jeden gesunden Deutschen, daß er sich zur Verfügung stellt, sei es im Kriegsfall, sei es in Zeiten innerer Not, wie es in den letzten zehn Jahren der Fall war. Dieser Erkenntnis folgend, sei es eine Selbstverständlichkeit für ihn gewesen, daß, sobald er von der Idee Adolf Hitlers erfuhr, er sich dieser zur Verfügung stellte." 62) Die Wahrscheinlichkeit, daß Dr.Herting in der "SPD-Stadt" Brake vom Nationalsozialismus angesteckt wurde, ist gering, denn zu seiner Zeit gab es dort keine Braunhemden. Die drangen erst nach der "Machtergreifung" aus den umliegenden Dörfern ein 63).
Am 1. April 1930 wurde er Ortsgruppenleiter der Schleswiger NSDAP. Dr.Herting bekleidete dieses Amt bis zum 31. August 1932. Mit ihm kam Schwung in die Schleswiger NSDAP. Er organisierte viele Parteiversammlungen. Ein erster Bericht in den SN am 18. August 1930 liest sich so: "Aus dem Wahlkampf der N.S.D.A.P. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, die mit der Hitler-Kundgebung in Kiel am vorigen Sonntag den Wahlkampf eröffnet hatte, hielt am Sonnabendabend bei namentlich auch vom Lande gut besuchtem Hause im Hotel Hohenzollern eine öffentliche Versammlung ab. Dr.Herting zog einleitend einen Vergleich zwischen Jetzt und der Zeit vor 80 Jahren, als durch die Dänen jede deutsche Regung unterdrückt wurde. Nachdem darauf hingewiesen war, daß das Tragen aller Waffen verboten sei, nahm der Referent, Hauptschriftleiter Zietkow-Berlin, das Wort ..." Typisch für das Auftreten von Dr.Herting war die Organisation einer Versammlung, das Sprechen einleitender Worte, das Vorstellen des Redners und das Schließen der Versammlung. Zeitungsberichten zufolge waren die NSDAP-Versammlungen häufig gut besucht. Dafür sorgte insbesondere Meyer-Quade, über den die "Schleswig-Holsteinische Tageszeitung" am 25. August 1932 schrieb: "Als Ortsgruppenleiter Dr.Herting die Versammlung eröffnete ... [ertönten] Heilrufe im Vorraum, Händeklatschen, und freudige Zurufe im Saal: ,Meyer-Quade kommt!´ ... Mit großem Jubel und spontanen Heilrufen dankte man dem Redner." Den Rahmen solcher Veranstaltungen bildeten Fahnen und die SA-Kapelle unter Leitung ihres Dirigenten Walter Böttcher 64) und den Abschluß das Absingen des Horst-Wessel-Liedes: "Die Fahne hoch".
Als Nationalsozialist trug Dr.Herting Uniform, was aber 1930 noch verboten war 65). Ein Polizeibeamter stellte ihn deshalb an einem Samstagnachmittag im Juni 1930 zur Rede und zeigte ihn beim Bürgermeister Dr.Behrens an. Dr.Herting reagierte trotzig. Er gab zu, das Verbot zu kennen, hielt es aber für ungerechtfertigt und ließ durchblicken, daß er es auf eine gerichtliche Auseinandersetzung anlegte. Bürgermeister Dr.Behrens reagierte gelassen und ließ Dr.Herting wissen, daß er im Wiederholungsfalle mit Bestrafung zu rechnen habe 66).
1931 brachte die Volkszeitung folgenden Bericht: "Wir erinnern uns, daß anläßlich der Schleiwoche Nationalsozialisten mit dem Jollenkreuzer Dr.Hertings zu nächtlicher Stunde die Schlei befuhren und die Seezeichen mit Hakenkreuzplakaten beklebten, ein Vorgang, den die ,Schleswiger Nachrichten´ schamhaft verschwieg. Wir haben bisher nicht gehört, daß wegen dieser "Heldentaten" jemand bestraft wäre. Es sollte denn sein, daß den Tätern Geldstrafen durch Strafbefehl auferlegt worden sind, die diese in aller Stille entrichtet hätten." 67) Dr.Herting bekannte sich 1937 öffentlich und stolz zu dieser Tat 68), und im Entnazifizierungsverfahren gab er an, "1 oder 2 mal je 10.- RM Ordnungs-Strafe im Jahre 1931 oder 1932" bezahlt zu haben: "Grund nicht mehr erinnerlich." 69)

4.2 Hans Bernsau

Dr.Herting hatte nicht nur Probleme mit der Obrigkeit, sondern auch mit seinen Parteigenossen. Dabei handelte es sich insbesondere um Hans Bernsau (Abb.6), der 1926 zur Schleswiger NSDAP gestoßen war und dem Schleswiger SA-Sturm 7 seit 1927 angehörte. Bernsau war seit 1929 Bezirks-Geschäftsführer der NSDAP und gehörte zu den sogenannten Draufgängern. Das brachte ihn häufiger vor Gericht, u.a. wegen Hausfriedensbruchs 70), verbotenen Tragens einer NSDAP-Uniform 71) und Beleidigung von Stresemann 72). Für die Beleidigung kassierte er sogar zwei Wochen Gefängnis 73).
Seinen letzten Coup landete Bernsau - Markenzeichen grüner Lodenmantel 74) - am Morgen des 2. Mai 1931 gegen 3.00 Uhr, als er zusammen mit einigen SA-Leuten am Domziegelhof in das Lokal "Zentralhalle" eindrang, um bei den Roten Flagge zu zeigen und sie zu provozieren. Doch wurde er aus dem Lokal geworfen und gab bei der Verfolgung einen Schuß ab. Dies erboste seine Verfolger noch mehr, sie holten ihn wieder ein und schlugen ihn grün und blau. Nach Bekanntwerden des Vorfalls meldeten die SN, "daß der Vorsitzende der NSDAP [Dr.Herting] den Geschäftsführer Bernsau ausschließen mußte, weil er durch den Besuch eines von Kommunisten und Sozialdemokraten gefüllten Lokals provozierend gewirkt und dadurch eine Schlägerei verursacht habe. Es sei das Ansehen der Partei geschädigt worden, und vor allem habe er gegen die Grundsätze der Parteidisziplin gehandelt. ... Ob er später anderen Ortes je wieder in die Bewegung aufgenommen werden kann, wird von der gerichtlichen Klärung des Vorfalls abhängen. Doch sind die Satzungen der NSDAP in diesem Punkt sehr streng." 75) Daß Dr.Herting wegen dieses Rauswurfs Ärger mit dem Gauleiter Lohse bekam 76), wie er im Entnazifizierungsverfahren schilderte, ist sehr wahrscheinlich.
Bernsau wurde acht Wochen später vom Vorwurf des unerlaubten Schußwaffengebrauchs freigesprochen. Das Gericht konnte Bernsaus Behauptung nicht widerlegen, daß er nur eine Schreckschußpistole benutzt hatte 77). Auch hielt er wieder Reden in Rabel und Schwackendorf 78). Da er aber im Kreis Schleswig eine unerwünschte Person geworden war, zog er sich in seine Heimatstadt Iserlohn zurück und wurde dort am 18.1.1933 im Alter von 27 Jahren erschossen 79). Der Täter war vermutlich ein Kommunist. Durch diesen Tod avancierte Bernsau in Schleswig zum Märtyrer. In den SN konnte man Dr.Hertings Laudatio lesen: "Hans Bernsau sei ein alter Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung gewesen. Er wäre einer derjenigen, die am eifrigsten gearbeitet hätten, um die erste Bresche in die Front der Gegner in Schleswig zu schlagen, in die Front der Marxisten einerseits und die der bürgerlichen Wirtschaftsgruppen andererseits. Er sei der gefürchtetste und bestgehaßte Gegner der Marxisten gewesen" 80). Im Oktober 1933 wurde zu Ehren dieses Märtyrers der Amalienplatz in Hans-Bernsau Platz umgetauft 81) und 1937 die SA-Dankopfer-Siedlung 82) "Am Alten Wall" nach ihm benannt.

4.3 Dr.Herting, der kommissarische Kreisleiter und Fraktionsführer

Vom 1. September 1932 83) bis 12. März 1933 fungierte Dr.Herting als kommissarischer Kreisleiter der NSDAP. Am 5.Januar 1933 fand die Schleswiger Öffentlichkeit eine erstaunliche Anzeige in den SN:
"In der Stadt Schleswig gehen Gerüchte um, nach denen ich ,meine sämtlichen Aemter niedergelegt hätte und aus der N.S.D.A.P. ausgeschieden sei!´ Selbstverständlich ist das derselbe Unsinn wie die Berichte über S.A.-Revolten, die von unseren Gegnern anscheinend schematisch unter die Leute gebracht werden, um den Anschein eines Auseinanderfallens der Bewegung zu erwecken. Dieser Wunsch ist aber auch hier der Vater des Gedankens. Ich halte nach wie vor der N.S.D.A.P. und ihrem Führer die Treue. Dr.Herting, Kreisleiter"
Was war geschehen? Der Konflikt zwischen Hitler und Gregor Strasser, dem Vertreter des sozialistischen Flügels der NSDAP, der am 8.Dezember 1932 von allen seinen Parteiämtern zurückgetreten war, wirkte sich auch in der Provinz aus. Am 12.1.1933 las man in der Volkszeitung von der "wackligen Front in Schleswig" und "daß das wilde Durcheinander, das jetzt besonderes Merkmal in der Führerschaft der NSDAP ist, auch auf die kleinen Vereine im Lande abzufärben scheint. Die ehemals aktivsten Kämpfer lassen sich ,beurlauben. Warum kursierten Gerüchte, daß ausgerechnet Dr.Herting aus der Partei ausgetreten wäre? Der Grund war vermutlich seine Frau Gertrud, die ein halbes Jahr vorher die NSDAP verlassen hatte, was vielleicht jetzt erst bekannt wurde. Über ihren Parteiaustritt wird in Kapitel 9 noch ausführlich berichtet werden 84). Am 30. Januar wurde Adolf Hitler Reichskanzler, und für die Nationalsozialisten war die Welt endlich in Ordnung. Am 5. März folgte eine Reichstagswahl, und am 12. März wurde die im Spätherbst fällige Kommunalwahl vorzeitig durchgeführt.
Interessant war das Verhalten der bürgerlichen Kreise in Schleswig, die sehr blauäugig gewesen sein mußten, wollten sie sich doch ausgerechnet in einer Einheitsliste mit der NSDAP das politische Überleben gegenüber dem Marxismus (damit war die SPD gemeint) sichern. Aber Dr.Herting stellte harte Bedingungen wie den Fraktionszwang 85), den die bürgerlichen Kreise nicht annehmen wollten. Er war Realpolitiker, und das Wahlergebnis trug seiner machtpolitischen Einschätzung in vollem Umfang Rechnung, errang die NSDAP am 12. März 1933 doch zehn der 18 Sitze im Rathaus (Abb.7). Er wurde Fraktionsführer der NSDAP und am 21. September 1933 (unbesoldeter) Stadtrat.
Ein Bericht der SN beschrieb die erste Tagung im Rathaus und schilderte die Angst der neuen Opposition vor der NSDAP: "Der Fraktionsführer der NSDAP Dr.Herting, rechnete mit dem Vergangenen ab ... und brachte ein Hoch auf den Führer und Kanzler Adolf Hitler aus. SPD.- Zwischenrufe während der Rede blieben geflüsterte Versuche." 86)
Die Angst war sehr berechtigt, resümierte Dr.Herting doch am 14. Juni 1933 in den SN: "In politischer Hinsicht galt es zunächst, diejenigen Elemente aus den städtischen Betrieben auszumerzen, die als Widersacher und Gegner der Entwicklung der nationalen Revolution hindernd im Wege standen. Hierbei ist man im weitesten maße menschlich vorgegangen, und es widerstrebte, die kleinsten Fälle rücksichtslos zu behandeln. Wo aber Hetzer am Werke waren, die auch heute noch ihre marxistischen Triebe nicht unterdrücken können und wollen, da hat man rücksichtslos durchgegriffen." Von den Schleswiger Nationalsozialisten war Dr.Herting der einzige, der öffentlich so deutlich sprach. Er war damit einer der Verantwortlichen für die politische Verfolgung Andersdenkender. Darunter litten unter vielen anderen der Schleswiger Redakteur der Volkszeitung, Andreas Paysen und der Gewerkschaftsführer Johannes Weiß, die verhaftet, massiv eingeschüchtert und nach einiger Zeit wieder freigelassen wurden.

5. Dr.Herting, der kommissarische Bürgermeister

Dr.Oscar Behrens war Schleswigs Bürgermeister seit dem 1. April 1913. Das Ende seiner Amtszeit beschrieb er 1963 selbst so: "Nach der sogenannten M achtergreifung im Jahre 1933 wurden wohl alle meine Kollegen in Schleswig-Holstein von den neuen Machthabern schnell beseitigt. Teilweise warf die SA ihnen vorher die Fenster ein (Itzehoe), teils wurden sie vorher verhaftet (Kiel, Altona), teils waren sie geflohen (Altona). Mir gegenüber benahm man sich anfangs besser. An verschiedenen Dingen merkte ich aber, daß man mich loswerden wollte." 87)
Am 11. August 1933 übernahm der Lehrer, Beigeordnete und SA-Sturmführer Hinrich Blum (Abb.7) kommissarisch für 75 Tage die Amtsgeschäfte des Bürgermeisters. Öffentlich wurde er aber nicht als solcher bezeichnet. Am 24. Oktober 1933 wurde Dr.Herting überraschend zum kommissarischen Bürgermeister ernannt 88).
Über seine politischen Ziele hatte er sich 1932 noch so geäußert: "Unser erstes Ziel ist, die politische Macht auf legalem Wege zu erreichen ... aus dem heutigen Deutschland wieder einen Staat der Sauberkeit und Würde, des Friedens und der Freiheit, der Arbeit und der Ehre zu errichten." 89) "Parlamentarismus gibt es im nationalsozialistischen Staate nicht mehr. An Stelle des Parlamentes tritt eine Ständekammer." 90) Als kommissarischer Bürgermeister setzte er neue Prioritäten, wie die SN berichteten: "Meine Hauptaufgabe, so betonte Dr.Herting ... , wird es sein, die nationalsozialistische Weltanschauung in allen Bevölkerungsschichten so zu vertiefen und zu festigen, daß niemals mehr ein Zweifel an ihrer unbedingten Richtigkeit eintreten kann." 91) Auf die Frage, warum ausgerechnet er Bürgermeister geworden war, antwortete er: "Die politische Führung der NSDAP hat nun diese Frage entschieden. Sie hält es für notwendig, daß ich der Bewegung als Mitkämpfer erhalten bleibe ... Ich weiß, viele Leute werden mit dem Kopf schütteln und es nicht verstehen, daß ich einen Beruf aufgebe, bei dem ich mich wirtschaftlich besser stand. Aber sehen Sie, das sind Erwägungen, die für einen Nationalsozialisten überhaupt nicht in Frage kommen. Für uns spielen persönliche Wünsche und Bequemlichkeiten keine Rolle. Wir wollen nicht verdienen, sondern dienen und unsere ganze Kraft einsetzen zum Wohle des Volkes. Und das ist auch mein `Programm´ als Bürgermeister." 92)
Die Umstände seiner Ernennung sind auch nach dieser Erklärung mysteriös. Freiwillig hatte er dieses Amt nicht übernommen, wie seinen Worten "Die politische Führung der NSDAP hat nun diese Frage entschieden" zu entnehmen ist. Es brachte ihm sogar erhebliche finanzielle Einbußen, denn als Zahnarzt verdiente er 1933 pro Monat ca.1000 RM 93), als kommissarischer Bürgermeister nur 650 RM 94). Die Praxis war stillgelegt 95), trotzdem mußten sie und das Haus bezahlt werden. Seine Frau hatte ihm schon vier Kinder geschenkt und wurde im Januar 1934 zum fünften Mal schwanger 96). Einen Monat nach Dr.Hertings Ernennung wurde Landrat Meyer-Quade mit großen Ehren - wie Fackelzug - öffentlich verabschiedet. Es gab eine lange Liste von Parteigenossen, die seiner Abschiedsaudienz beiwohnten, darunter sogar der Gauleiter Lohse. Nur Bürgermeister Dr.Herting wurde mit keinem Sterbenswörtchen erwähnt. Was tat er statt dessen? Er verteilte Wappenschilder an die Hitlerjugend, wie man der gleichen Zeitungsausgabe entnehmen konnte 97). Zeigte sich so sein stummer Protest gegen die Ernennung? Er hatte schon Grund zum Grollen. Seine Parteigenossen hatten sich durch ihre "Postenjägerei" 98) finanziell verbessern können, warum sollte ausgerechnet er sich verschlechtern? Aber erst mal mußte er seine Arbeit als kommissarischer Bürgermeister verrichten und sich mit ganz profanen Problemen herumschlagen. Am 28. November 1933 las man in den SN über seinen Appell an die Bürger, "ihren Pflichten gegenüber der Stadt nachzukommen. Seit April sitze die NSDAP in der Stadtverwaltung. Leider herrsche ein katastrophaler Rückgang der Einnahmen. Manche glauben keine Pachten, Gebühren für Wasser, Strom und Gas sowie keine Steuern mehr bezahlen zu brauchen." Das Problem muß wirklich dringend gewesen sein, denn zum Jahresende wiederholte er diesen Aufruf noch einmal 99).
Am 22. Januar 1934 trat er von seinem Amt zurück. Zur Begründung gab er an, daß das neue Gemeindeverfassungsgesetz, das jetzt in Kraft getreten war, nur Verwaltungsfachleuten oder Volljuristen erlaubte, dieses Amt zu bekleiden. Sein Nachfolger wurde der Freiherr von Baselli. Was hatte Dr.Herting in seiner Amtszeit erreicht? Sein Resümee lautete: "Damit beende ich eine nicht ganz 3 Monate dauernde Amtstätigkeit, bei der wegen der Kürze der Zeit eine wirksame Entfaltung meiner Kräfte naturgemäß nicht möglich war, zumal die ersten Wochen allein dem Einarbeiten in die zum Teil völlig neue Materie gewidmet sein mußten." 100)
Rückblickend betrachtet war das neue Gemeindeverfassungsgesetz vermutlich nicht nur für seinen Rücktritt, sondern auch für seine Ernennung zum kommissarischen Bürgermeister verantwortlich. Dazu muß man sich die Situation der Gemeinden und Städte nach der "Machtergreifung" Hitlers vergegenwärtigen. Viele qualifizierte Bürgermeister waren aus dem Amt gejagt worden. Nun bahnte sich ein neues Gesetz an, das dem betroffenen Personenkreis bestimmt schon vor seiner Verabschiedung bekannt war. Die Anforderungen für die Bürgermeister waren sogar gestiegen, so daß eine Knappheit an geeigneten Kandidaten die Folge sein mußte. In der Übergangszeit konnten somit einige Ämter eine Zeitlang nur kommissarisch besetzt werden.
Eine von Dr.Hertings letzten Amtshandlungen war ein Geschenk an seinen Vorgänger Dr.Behrens, der sich 1963 so dazu äußerte: "Nach meiner Pensionierung, unterm 20. Januar 1934, wurde mir vom kommissarischen Bürgermeister der Stadt Schleswig eine Bronzefigur des Bildhauers Jensen (Sterbende Amazone) zugesandt. Nach einem dabeifolgenden Schreiben sollte diese Figur ein Andenken an meine 20jährige `erfolgreiche´ Arbeit in Schleswig sein." 101)

6. Schlei-Segel-Club (SSC) und Marine-SA

Am 23. Februar 1934, einen Monat nach Dr.Hertings Rücktritt, konnte man in den SN lesen: "Der Schlei-Segel-Club im Zeichen des Führerprinzips. 1. Vors. ... Menge ... teilte der Versammlung mit, daß der Vorstand beschlossen habe, dem Klub die Einführung des Führerprinzips vorzuschlagen und er aus diesem Grunde geschlossen seinen Rücktritt erkläre. Als künftigen Führer schlage der Vorstand Dr.Herting vor, der dankenswerterweise zugesagt habe ... Die Wahlhandlung ergab die einstimmige Wahl Dr.Hertings". Er war wieder in seinem Element. Er konnte sogar zwei Hobbies miteinander verbinden: das Segeln und die Leitung einer Organisation. Doch es blieb unklar, warum er dieses Amt im selben Jahr sang- und klanglos wieder abgab.
Im Entnazifizierungsverfahren schrieb er: "Infolge meines Rücktrittes vom politischen Leben war mein Ansehen bei den Parteigenossen erheblich gesunken. Ihr Dienst und ihre Dienstauffassung mißfielen mir aber auch je länger desto mehr. Das ganze Leben in Schleswig war mir verleidet. Ich versuchte daher, in einen ganz neuen Lebenskreis hineinzukommen, und bemühte mich, über den Deutschen Luftsportverband, in dem ich Segelflugsport betrieb, in die neu entstandene Luftwaffe als Offizier oder Sanitätsoffizier hineinzukommen." 102)
Was könnte wirklich passiert sein? Er war kein Kreisleiter mehr und auch kein Bürgermeister. Die einzige Autorität, die er besaß, war ihm von den Mitgliedern des SSC verliehen worden. Er war eine Soldatennatur, die führen oder besser: kommandieren wollte. Die Segler vom SSC aber waren Individualisten und Zivilisten. Sie wollten nur hinaussegeln und die Freiheit auf dem Wasser genießen. Sein Sohn schreibt auch, daß "[Dr.Herting] es nur schwer oder gar nicht ertrug, wenn sich seine Umgebung nicht seinem Willen fügen mochte." 103) Stoff für Konflikte war also vorhanden. Zudem lag der Vorfall mit den Hakenkreuzen auf den Fahrwassertonnen erst drei Jahre zurück, was seine Autorität bestimmt nicht gestärkt hat. So zog er sich nach Sylt und Hamburg zurück und betrieb dort von Februar 1935 bis September 1935 Segelflug. 1936 hatte er endlich das richtige Rezept gefunden: Er baute in Schleswig die Marine-SA auf auf, welche vom Namen her schon rein militärisch angelegt war. Dort stieg er bis zum Obersturmführer auf 104).

7.1 Dr.Herting, der NS-Propagandist

Vergleicht man Dr.Hertings und Meyer-Quades Propaganda, so fällt auf, daß sie eine Art Arbeitsteilung betrieben: Meyer-Quades Forum war der Saal, Dr.Hertings Forum war die Zeitung und der Saal; Meyer-Quade agitierte im ganzen Kreis, Dr.Herting fast nur in Schleswig; während die SN meist nur über Meyer-Quade berichteten 105), war Dr.Herting von August 1930 bis Februar 1934 permanent als Schreibender und Beschriebener in den SN präsent. Vermutlich war er als Redner nicht besonders talentiert, denn die "Eiserne Front" wünschte sich ausgerechnet ihn und nicht Meyer-Quade als Redner auf einer gemeinsamen Veranstaltung von SPD und NSDAP 106). Diese Veranstaltung ging auf eine Initiative von Meyer-Quade zurück, die dann aber doch nicht zustande kam. Den Bauern hatte Dr.Herting nichts zu sagen, sie fanden aber starke Zuwendung durch Meyer-Quade 107). Insbesondere sein Antisemitismus hob Dr.Herting sehr deutlich von allen anderen NS-Protagonisten im Kreis Schleswig ab, worüber noch berichtet wird.
Der große Erfolg der NSDAP im Kreis Schleswig wäre ohne Dr.Michel, den Hauptschriftleiter der SN, nicht vorstellbar gewesen. Dr.Herting beschrieb sein Verhältnis zu ihm 1937 so: "Eine große Hilfe wurde uns 1931, als die `Schleswiger Nachrichten´ begannen sich für die Bewegung aktiv einzusetzen. Seitdem konnte ich mich nach Herzenslust im Sprechsaal und in Eingesandtes austoben und Pg. Michel hat mich nach Kräften unterstützt." 108) [Sprechsaal = Leserbriefecke einer Zeitung 109), Pg(g). = Parteigenosse(n)]

7.2 Dr.Hertings Militarismus

Ein wichtiger Schlüssel, um Dr.Hertings Denken zu verstehen, war sein Verhältnis zum Militär, wofür ein Zitat aus dem Jahre 1919 eindrucksvoll Zeugnis ablegt: "19.9.19. Mittags Abfahrt mit dem D.Zug nach Marburg. 10 h abends. Ankunft, beinahe verschlafen.Übernachtet im Bahnhofshotel. Wie ich so durch das deutsche Land fuhr, kamen mir die Gedanken an die Zeit, wo ich ungefähr dieselbe Richtung vom Urlaub zurück ins Feld fuhr. Wie schön war damals das allgemeine Pflichtgefühl. Jeder hatte und tat seine Pflicht. Jetzt gibt es keine mehr. Wenn ich damals in diese Richtung fuhr, überwog allerdings der Gedanke: So, nun geht es wieder hinein in den Kommißbetrieb, in Strapazen und Gefahren. Dazu kam aber auch wieder der Gedanke, die Kameraden freuen sich, wenn du wieder da bist. Dann hatte der Gedanke auch viel schönes, so ganz unabhängig zu sein, selbst Löhnung, Kleidung, Essen zu bekommen mit der Pflichterfüllung gegen das Vaterland. D.h. damals dachte ich wohl kaum daran, aber jetzt kommen immer die Gedanken, wie schön so ein richtiges wildes Kriegserleben doch war." 110) Das war der Geist der Zeit. Auch Meyer-Quade dachte ähnlich. Am 8. März 1931 hielten z.B. 1000 SA-Männer aus dem ganzen Land in Schleswig eine machtvolle paramilitärische Demonstration ab unter dem Motto: "SA marschiert! Die Straße frei!" 111). Das Hauptanliegen der Veranstalter war, wie Meyer-Quade ausführte, "den Wehrgedanken ins Volk hineinzutragen" 112).
Bestätigt wird dies auch durch den ehemaligen Vorsitzenden des Schleswiger SPD-Ortsvereins (bis 1933) und kommissarischen Bürgermeister von Schleswig (1945), Hermann Clausen: "Jede politische Richtung hatte ihre uniformierte Truppe ... Solche halbmilitärischen politischen Organisationen hätte die Regierung nicht zulassen sollen." 113) Dazu zählte Clausen:

[Sozial-] Demokraten: Reichsbanner bzw. Eiserne Front
Deutschnationale : Stahlhelm
Kommunisten : Rot[er] Front[kämpferbund]
Nationalsozialisten : SA

Über die Schleswiger Nationalsozialisten des Jahres 1933 schrieb Clausen weiter: "Die neuen "Machthaber" waren ja auch nicht gerade Typen des gutsituierten Bürgertums 114), es waren "Soldaten" Hitlers, die in den letzten Wochen auch als Herren auftraten." 115)

7.3 Dr.Hertings "Nationalsozialistische Gedanken"

Von September 1931 bis Februar 1933 veröffentlichte Dr.Herting in den SN 18 namentlich unterzeichnete, zum Teil sehr lange Artikel, deren Höhepunkte zweifellos seine "Nationalsozialistischen Gedanken Teil I bis VII" (23.3.1932 bis 7.4.1932) waren, die die SN als "beachtenswerte aufklärende Ausführungen" bezeichneten 116). Die thematische Gliederung sieht so aus:

1. Teil: Rassenpolitik und Antisemitismus
2. Teil: Zwangssterilisation
3. Teil: Antisemitismus und die Abrechnung mit Kunst und Literatur; hierbei hat ihm vermutlich Dr.Michel die Feder geführt, denn Dr.Herting unterschrieb diesen Aufsatz so: "Anm.: Einzelne literaturkritische Stellen sind dem Vortrage eines andern Pg. entnommen."
4. Teil: Frau und Familie
5. Teil: N.S.D.A.P. und Glaubensbekenntnisse
7. Teil: Ist Hitler beamtenfeindlich?
Im 6. Teil und allen sonstigen Aufsätzen widmete sich Dr.Herting der "großen Politik".

Nachfolgend einige Auszüge aus Dr.Hertings antisemitischen "Nationalsozialisten Gedanken": SN 23. März 1932: "Unter Rasse verstehen wir einen größeren Kreis von Lebewesen, die gewisse gleiche körperliche und seelische Anlagen besitzen. Ist das denn nun so etwas Wichtiges? Jedem leuchtet es ein, daß die Paarung eines Jagdhundes mit etwa einem Mops Bastarde erzeugen würde, die für keinerlei nützliche Zwecke zu gebrauchen sind. Das kann niemals ein Höchstleistungstier in irgend einem Sinn ergeben. Es gibt daher große Vereine, die sich die Züchtung aller möglichen Tierrassen zur ernsten Aufgabe gestellt haben (Kaninchen,Rinder, Pferde, Geflügel usw.). Der Besitzer eines `reinrassigen´Hundes ist stolz darauf, aber er wird andererseits wenig Bedenken tragen, seine Tochter einem andersrassigen zur Frau zu geben. Im Gegenteil, wenn er genug Geld hat, mit Freuden, dann ist sie ja `versorgt!´ Das deutsche Volk ist keine einheitliche Rasse, aber es ist noch zum größten Teil arischen Ursprungs. Jeder Arier hat bestimmte körperliche und vor allem seelische Eigenschaften, die ihn vor anderen Rassen, dem Neger, Mongolen, Juden usw. auszeichnen. U.a. sind dem Arier blutsmäßig eigen: Mut, Ehrlichkeit, Liebe zur scholle, Arbeitslust um der Arbeit selbst willen (Idealismus), andererseits aber auch Eigensinn bis zur Streitsucht usw. Der Jude weist dagegen mehr Verschlagenheit auf, Händlergeist, Gewinnsucht, Liebe zu beweglichen Gütern, Materialismus. Jeder wird eine Ehe mit einem Neger, mag er auch in Deutschland geboren sein, als unmöglich ansehen. Jeder Gesunde wird auch instinktiv den Juden, ohne Rücksicht auf die Religion, als Ehepartner ablehnen. Näheres darüber auszuführen, würde zu weit gehen. Aber es ist erwiesen, daß die Kinder solcher Mischehen die ungünstigen seelischen Eigenschaften beider Eltern erben, innerlich also zerrissen ein trauriges Los (vom deutschen Standpunkt aus gesehen) erben. ... Die Juden wären uns genauso gleichgültig wie etwa die Chinesen, die Papuas und andere Rassen, wenn sie sich nur genau so verhielten wie diese. Bitte stellen Sie sich vor, in Deutschland wären 1-2 Millionen Chinesen, und es gelänge ihnen durch Geschäftssinn, Zudringlichkeit usw., die Presse, die Kunst, das Geldwesen und maßgebenden Einfluß auf die Regierung zu gewinnen, auf Kosten und zum Schaden des deutschen Volkes! In diesem Fall wären wir `antichinesisch´, weil wir eben unser Volk lieben und es fördern wollen. Das ist doch selbstverständlich, nicht wahr? Also lassen wir den Begriff `antisemitisch´ beiseite und fassen ihn positiv: `nur deutsch´! Bleiben die Anderrassigen auch so und beanspruchen sie nicht die Vorherrschaft, dann krümmen wir ihnen kein Härchen. Aber das tun sie nicht, das liegt ihnen eben im Blute."
Dr.Herting war vermutlich nicht ganz wohl, als er am 2. April 1932 dem dritten Teil seiner "Nationalsozialistischen Gedanken" diesen Satz vorwegschickte: "Ein chirurgischer Eingriff ist eine unerfreuliche Sache, aber nicht immer vermeidbar und dann u.U. lebensrettend. Die folgenden Ausführungen sind auch teilw weise recht häßlichen Inhalts, die daraus zu ziehenden Schlüsse sind aber dringend nötig und heilsam. ... So schreiben jüdische Schriftsteller über die Gesinnung ihrer Volksgenossen den arischen Frauen und Mädchen gegenüber! Schrieb doch auch der Heidelberger Jude Paul Mayer in seinem Gedicht

`Ahasvers fröhlich Wanderlied:
meiner Seele glatte Häute bergen,
was ich bettelnd büßte,
Doch es türmt sich meine Beute,
Und es jauchzen eure Bräute,
Mir, dem Auswurf fremder Wüste!`´

Und hat nicht kürzlich eine Jüdin über den heimgegangenen jüdischen Schriftsteller Jacobowski ebenso geschrieben, daß ihm die liebste Rache gewesen wäre, wenn er die feinen Frauen der blonden Edelinge unter seine Füße treten konnte? Das, liebe Volksgenossen, ist die jüdische Fratze. Wenn wir an die Macht kommen, ist es Feierabend damit. Und das weiß der Jude ... Dies alles mußte einmal gesagt werden, um dem ahnungslosen Deutschen zu zeigen, womit man die Moral des Volkes und besonders der Jugend verdirbt, sie unzugänglich macht für hohe Ideale, unfähig macht zu Vaterlandsliebe, Wehrgeist, Opfersinn und Volksgemeinschaft. Und von diesen Leuten, die solche Literatur und Afterkunst verzapfen und darnach handeln, muß sich ein Hindenburg wählen lassen und ahnt nichts davon! Wüßte er das, dann würde er dankend und schaudernd verzichten; das ist unsere Ueberzeugung. Im nationalsozialistischen Staat haben solche Menschen (die Juden sind doch auch Menschen, nicht wahr? Haben wir übrigens nie bestritten!) kein Staatsbürgerrecht, aber auch nicht Leute wie der S.P.D.=Führer Crispien, der öffentlich erklärte, er kenne kein Vaterland, das Deutschland heißt."

7.4 Statistik des Antisemitismus in Schleswig 1930-1933

Gab es noch mehr antisemitische Protagonisten in Schleswig? Um diese Frage zu beantworten, wurde untersucht, wie viele antisemitische Anzeigen, Artikel oder Referate im Zeitraum von Dr.Hertings Eintritt in die NSDAP bis zwei Tage vor dem Boykott jüdischer Geschäfte (1.4.1933) aus dem Bereich der Stadt Schleswig veröffentlicht wurden und wer als Autor zeichnete: Ein Referat von Dr.Straub 117); vier auswärtige Referenten, alle begrüßt von Dr.Herting 118); zwei Reden von Meyer-Quade 119); eine Anzeige der NSDAP-Ortsgruppe Schleswig, Leiter war Dr.Herting 120); zwei Reden und neun schriftliche Beiträge von Dr.Herting 121); das Parteiprogramm der NSDAP, vermutlich von Dr.Herting zum Abdruck veranlaßt 122). Da er alle auswärtigen Referenten begrüßte, liegt der Schluß nahe, daß er sie auch eingeladen hat. Somit ist erwiesen, daß Dr.Herting die treibende antisemitische Kraft in Schleswig war. Anläßlich der Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte am 1.4.1933 hatte sich aber kein Schleswiger Nationalsozialist persönlich profiliert, auch nicht Dr.Herting 123).

7.5 Die jüdische Familie Weinberg

Wie Erich Koch herausfand 124), ließ es Dr.Herting nicht nur bei verbalen Attacken gegen jüdische Mitbürger bewenden. Als kommissarischer Bürgermeister betrieb er 1933/34 einen regelrechten Kreuzzug gegen die Schleswiger Familie Weinberg. Dabei zeigte er einen solchen Zynismus, daß ihm selbst altgediente NS-Parteigenossen wie der Beigeordnete Blum und der Ortsgruppenleiter Steen nicht so recht folgen mochten. Für diese Familie erwirkte Dr.Herting eine Ausbürgerung, die in "vorauseilender Manier" sogar über die Ungerechtigkeiten der Rassegesetze vom 15. September 1935 hinausging, denn diese Ausbürgerung wurde vom preußischen Innenminister am 17. September 1935 wieder rückgängig gemacht. Da Dr.Hertings Handlungsweise durch kein Gesetz legitimiert gewesen war, hat er auch hier den Tatbestand "politischer Verfolgung" erfüllt.

7.6 "Bestes Menschenmaterial"

Einen tiefen Einblick in Dr.Hertings Menschenbild konnte man am 25. Januar 1936 nehmen, als er auf einem Elternabend an der Lornsenschule über sein Konzept der Schulzahnuntersuchungen referierte. Über seine Ausführungen berichteten die SN so: "Mit der Einführung der Wehrfreiheit und der damit verbundenen Aushebungen von jungen Rekruten hat sich ergeben, daß ein großer Prozentsatz besten Menschenmaterials wegen mangelhafter Gebißverhältnisse zurückgestellt wurde oder für den Militärdienst überhaupt nicht zu gebrauchen ist und daher ganz abzuweisen war." Dr.Hertings Einsatz für die Gesundheit des "besten Menschenmaterials" 125) zeigte menschenverachtende Züge, die sich auch in seinem Kampf gegen den "jüdisch-materialistischen Geist in und außer uns" 126) offenbarten. Folgt man seiner Logik, dann war der Arier nur dann "bestes Menschenmaterial", wenn er nicht "materialistisch", sondern "idealistisch" dachte und handelte.

7.7 Kein Recht auf Existenz für Nichtdeutschblütige

Am 24. März 1932 schrieb Dr.Herting in den SN: "Nach nationalsozialistischer Auffassung darf in Deutschland nur der deutschblütige politischen Einfluß haben, Recht auf Existenz, Recht und Pflicht zur Fortpflanzung haben." Bei der Analyse dieses Satzes erheben sich Fragen: Was soll eigentlich mit den Nichtdeutschblütigen geschehen, die nicht die Möglichkeit haben, Deutschland zu verlassen? Sie haben kein Recht auf Existenz. Was gehört zur Existenz? Insbesondere das Leben. Dr.Hertings Satz beinhaltet also eine Todesdrohung. War ihm diese Drohung bewußt? Der Verfasser glaubt das nicht, fiel dieser Satz doch in einem Aufsatz über Zwangssterilisation.
Mindestens 15 Schleswiger Bürger mit einer jüdischer Abstammung wurden in den Vernichtungslagern des NS-Regimes ermordet oder gelten an den Deportationsorten als verschollen 127). Dr.Hertings Drohung wurde also tatsächlich verwirklicht. Faßt man die Ergebnisse der letzten fünf Kapitel zusammen, so ist erwiesen, daß Dr.Herting - ob bewußt oder unbewußt - ein früher Wegbereiter des Völkermordes an seinen Mitbürgern mosaischen Glaubens war.

7.8 Die Wähler

Es stellt sich die Frage, warum Dr.Herting trotz seiner vielen antijüdischen Ausfälle parlamentarische Mehrheiten erringen konnte. Dietrich Herting versucht in seinem Aufsatz vergeblich den Eindruck zu erwecken, daß sein Vater nicht antisemitisch eingestellt war. Hierbei stützt er sich insbesondere auf das Zitat "dreckiger Jude" in einem Brief seines Vaters aus dem Jahre 1921 128). Abgesehen davon, daß diese Quelle nicht öffentlich nachprüfbar ist, nährt sie im Gegenteil gerade den Verdacht, daß Dr.Herting 1921 schon ein Antisemit war.
Mit großer Wahrscheinlichkeit war er nicht trotz, sondern gerade wegen seines Antisemitismus politisch erfolgreich, denn "seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war der Antisemitismus in Deutschland allgegenwärtig und gehörte zum allgemeinen Wertekanon." 129) Eine Erhebung der amerikanischen Besatzungsbehörden im Jahre 1946 ergab, daß "61 Prozent der Deutschen Ansichten zum Ausdruck brachten, die sie als Rassisten oder Antisemiten qualifizierten ... Vier von zehn Deutschen sind derart vom Antisemitismus durchdrungen, daß es zweifelhaft ist, ob sie gegen Juden gerichtete Handlungen ablehnen würden, auch wenn sich nicht alle von ihnen an solchen Handlungen beteiligen würden." 130)

7.9 Das Sterilisationsgesetz

Das Sterilisationsgesetz trat am 1. Januar 1934 in Kraft und betraf 1.200 Schleswiger 131), von denen die meisten in der Landes-Heil- und -Pflegeanstalt lebten. Dr.Herting hatte diesem Thema in den SN einen großen Aufsatz gewidmet: "Nach nationalsozialistischer Auffassung darf in Deutschland nur der deutschblütige politischen Einfluß haben, Recht auf Existenz, Recht und Pflicht zur Fortpflanzung haben. Letzteres mit Ausnahme der Minderwertigen. Minderwertig im rassischen Sinne sind notorische Verbrecher, Alkoholiker, gewisse Geschlechtskranke, Geisteskranke, Idioten, Blindgeborene, Taubgeborene u.a. Träger vererbbarer Krankheiten ... Der Nationalsozialismus hat bereits weitgehende Forschungsarbeit geleistet, um diese Ausschaltung auf die humanste Weise zu bewerkstelligen, die u.a. durch einen ungefährlichen, schmerzlosen Eingriff geschehen kann."
Eine von Dr.Hertings Begründungen dafür lautete: "Und wird ein Einbrecher, ein Sittlichkeitsverbrecher usw. nach ein paar Jahren `Z geheilt´ entlassen, dann kann er seinen Neigungen wieder leben. Meist tobt er erst mal seinen Geschlechtstrieb aus, setzt so und so viele erblich belastete Kinder in die Welt. Ein Kreislauf ohne Ende. Es ist bekannt, daß die sog. Minderwertigen einen ungehemmten Geschlechtstrieb haben. Aus 40 Ehen Schwachsinniger gingen 220 Schwachsinnige und nur 2 anscheinend normale Kinder hervor." 132) Interessant wäre die Beantwortung der Frage, ob Dr.Herting zwischen 1973 und 1981 mit seiner Arbeit an den behinderten Kindern im "Hesterberg" vielleicht irgendetwas "gutmachen" wollte.

8.1 Die Entnazifizierung

Dr.Hertings Entnazifizierungsverfahren kam nur schleppend in Gang, so daß am 13. September 1947 Klagen laut wurden wie: ".. daß die Bevölkerung Schleswigs es nicht verstehen kann, daß Dr.Herting noch immer in seiner Stellung ist, mit einer derartigen Belastung ... 133) Als erste Maßnahme der Militärregierung erhielt Dr.Herting Berufsverbot, sein Vermögen wurde gesperrt, und er verlor das passive Wahlrecht. Am 21. Mai 1947 entschied der Entnazifizierungsausschuß:
- Einstufung in Kategorie III [Minderbelasteter]
- Verfahrensgebühr 1000 RM
- Beitrag zum Wiederaufbaufond in Höhe von 10.000 RM
Die Begründung lautete: "Dr.H. trat 1929 der NSDAP bei und war komm. Kreisleiter. Außerdem war Dr.H. in der SA Obersturmführer, im NSFK Segelflug-Sturmführer, in der DAF Kreisfachschaftsleiter."
[NSFK = Nationalsozialistisches Fliegerkorps, DAF = Deutsche Arbeitsfront]
Am 28. November 1948 wurde Dr.Herting wegen seiner günstigen Leumundszeugnisse in die Kategorie 4 (Mitläufer) abgestuft. Dazu ist zum einen zu sagen, daß in Schleswig-Holstein damals niemand in die höheren Kategorien 1 (Hauptschuldiger) und 2 (Belasteter) eingestuft wurde 134), zum anderen ist festzustellen, daß die 11.000 Reichsmark, die Dr.Herting zu zahlen hatte, seinem durchschnittlichem Jahreseinkommen der Jahre 1931-1945 entsprach. Er hatte also eine durchaus schmerzhafte Strafe erhalten.

8.2 Bewertung von Dr.Hertings Aussagen im Entnazifizierungsverfahren

Ein interessanter Punkt im Entnazifizierungsverfahren ist natürlich die Frage, wie glaubwürdig seine Einlassungen waren. Stimmen seine Aussagen mit den tatsächlichen Geschehnissen überein? Die Aufforderung Nr. 118 darin lautete: "Geben Sie auf einem Extrabogen die Titel und Verleger aller von Ihnen seit 1923 bis zur Gegenwart ganz oder teilweise geschriebenen, zusammengestellten oder herausgegebenen Veröffentlichungen und alle von Ihnen gehaltenen öffentlichen Ansprachen und Vorlesungen, mit Angabe des Themas, Datums, der Auflage oder Zuhörerschaft an. Falls Sie im Auftrage einer Organisation schrieben oder sprachen, geben Sie deren Namen an. Falls keine Reden, Ansprachen oder Veröffentlichungen, setzen Sie das Wort `keine´ein."
Dr.Hertings Antwort in der Anlage 10 darauf lautete: "Etwa im Jahre 1932 anläßlich der Wahlen habe ich mehrfach in den Schleswiger Nachrichten`´ unter dem Titel `Briefe aus dem Leserkreise´ oder ähnlich das Programm der NSDAP erläutert als Antwort auf ähnliche `Eingesandtes`´ anderer Parteien. Sonst habe ich nur Aufsätze rein wissenschaftlichen Inhalts in der zahnärztlichen Fachpresse veröffentlicht (Zahnärztliche Rundschau_) wobei ich Datum und Titel nicht mehr angeben kann. Reden: Soweit erinnerlich habe ich ein einziges Mal in Hüsby oder Arenholz öffentlich vor etwa 15 Personen wegen Ausfalls des richtigen Redners eine Wahlansprache gehalten von höchstens 20 Minuten Dauer, da ich über nicht konkrete Fragen überhaupt nicht sprechen kann im Gegensatz zu fachlichen Themen. Sodann habe ich als Bürgermeister und Ortsgruppenleiter Begrüßungsworte bei Versammlungen und Veranstaltungen gesprochen und einmal kurz über städtische Angelegenheiten. Nichtpolitische Vorträge habe ich mehrfach vor der Frauenschaft und dem Hilfswerk Mutter und Kind gehalten über das Thema: Was muß die deutsche Frau und Mutter über Zähne wissen? in Verbindung mit Ernährungsfragen wie Vollkornbrot usw." Dr.Hertings Antworten waren fast alle richtig, bis auf eine: "Reden: Soweit erinnerlich habe ich ein einziges Mal in Hüsby oder Arenholz öffentlich vor etwa 15 Personen wegen Ausfalls des richtigen Redners eine Wahlansprache gehalten von höchstens 20 Minuten Dauer." Hier hatte er sich sehr exakt festgelegt.
In den SN konnte aber am 12. Dezember 1931 folgender Bericht gefunden werden: "Vom NSBO und Kampfbund e. n. S. Schleswig wird uns geschrieben: Die Nationalsozialistische Betriebszellen-Organisation und Kampfbund erwerbsloser nationaler Sozialisten Schleswigs hielten im Hohenzollern eine gemeinsame Mitgliederversammlung mit Gästen ab. Über 150 Personen hatten sich eingefunden. Dr.Herting, Ortsgruppenleiter der NSDAP Schleswig hielt einen fast zweistündigen Vortrag über die Ziele der NSDAP mit Lichtbildern. In schlichter, allgemein verständlicher Weise verstand Redner es, bis zum Schluß die Zuhörer zu fesseln." Um eine Aussage unglaubwürdig erscheinen zu lassen, genügt grundsätzlich ein einziges Gegenbeispiel, welches hiermit erbracht wurde. Doch konnte der Verfasser darüber hinaus noch 14 weitere politische Reden von Dr.Herting finden 135). Er hatte zwar "Soweit erinnerlich ..." geschrieben, aber vergeßlich war er bestimmt nicht, sonst hätte er sich nicht an seinem 90. Geburtstag für das "Gnadengeschenk der geistigen Frische" bedankt 136).
Dr.Herting hatte, wie oben berichtet, nicht nur die "marxistischen Hetzer", sondern auch die Familie Weinberg politisch verfolgt. Somit war auch seine Aussage im Entnazifizierungsverfahren falsch, die da lautete: "Ich habe nie einen Menschen aus politischer Überzeugung verfolgt oder zur Anzeige gebracht, sodass er von einem ordentlichen oder Parteigericht bestraft worden ist ... Diese meine Aussage mache ich freiwillig und ohne jeden Zwang, und bin bereit, sie auf meinen Eid zu nehmen." 137)
Warum macht der Verfasser diese penible Analyse? Er muß doch wissen, daß man Falschaussagen im Entnazifizierungsverfahren nicht überbewerten soll, denn zum einen wurden sie nicht unter Eid gemacht, und zum anderen kann man es Dr.Herting nicht verübeln, wenn er versuchte, sich von seiner guten Seite zu zeigen. Der Grund für die genaue Bewertung von Dr.Hertings Einlassungen liegt in der Arbeit seines Sohnes Dietrich, der zwar viele Behauptungen seines Vaters aus der Entnazifizierungsakte präsentiert, dafür aber keine Beweise vorlegt. Um diesen Mangel zu kompensieren, stellt er seinen Vater auf ein hohes Podest, indem er ihn zu einer "Autorität sui generis" erklärt. Diese Autorität stattet er dazu noch mit papstähnlichen Unfehlbarkeitsmerkmalen aus: "Seinen Kindern, insbesondere seinen Söhnen hat [Dr.Herting] vermittelt, daß eines Mannes Wort unverbrüchlich gilt." und "Andersen hatte sich ... an ... Dr.Herting ... gewandt, der ... den Ruf hatte, sich immer für Wahrheit und Gerechtigkeit einzusetzen." 138) Wie bewiesen, hatte er mitnichten immer die Wahrheit gesagt. Damit bricht Dietrich Hertings Legende über seinen Vater weitgehend zusammen.
Es gab auch eine Behauptung von Dr.Herting, für die weder positive noch negative Bestätigungen vorliegen. Dafür hat der Verfasser eine "Wahrscheinlichkeitsrechnung" aufgestellt: Dr.Herting behauptete im Entnazifizierungsverfahren 139), daß er wegen Judenerschießungen, die er nur vom Hörensagen kannte, Protestbriefe von der Front an den Kreisleiter Dr.Georg Carstensen geschickt und deswegen mit seinem Austritt aus der NSDAP gedroht habe. Für diese Behauptung gibt es keinen Beweis, aber wie groß war denn die Wahrscheinlichkeit, daß er es getan haben könnte? Jeder Deutsche und gerade Dr.Herting wußte, daß die Feldpost kontrolliert wurde 140), wäre er doch im 1. Weltkrieg beinahe vor ein Kriegsgericht gekommen, weil er eine Postkarte mit kyrillischen Buchstaben an einen Freund geschickt hatte 141). Außerdem war Dr.Carstensen ein sehr unangenehmer Zeitgenosse, was die vielen Anschuldigungen gegen ihn nach dem Kriege beweisen 142). Dr.Herting mußte also damit rechnen, daß seine Briefe auf den Schreibtischen der Gestapo und er selbst im KZ landen würden. Er hätte also sein Leben für nichts eingesetzt, wenn er diese Briefe tatsächlich abgeschickt hätte. Offensichtlich gehören sie in den Bereich der Fiktion.

8.3 Die Leumundszeugnisse

Dr.Herting legte im Entnazifizierungsverfahren 143) vier positive Leumundszeugnisse vor.
Das erste stammt von dem Betriebsingenieur der Schleswiger Stadtwerke, Jörgen Andersen, einem SPD-Funktionär, ausgestellt am 8. Juni 1946. Andersen war wegen verleumderischer Vorwürfe einiger SS- und SA-Männer entlassen worden und brauchte nun eine offizielle Bekanntgabe der Vorwürfe, um gerichtlich dagegen vorgehen zu können. Dr.Herting war laut Andersen der einzige, der ihn dabei unterstützte und der sogar den "SA-Sturmbannführer Rammke mehrmals wegen seiner unverschämten aggressiven Haltung gegen mich verwahren" mußte 144).
Das zweite Leumundszeugnis vom 9. Juni 1946 hat der Stadtinspektor Willy Clasen geschrieben, der Mitglied des Unterausschusses des Deutschen Entnazifizierungsausschusses in Schleswig war. Clasen sollte 1933 als Zweigstellenleiter der Stadtsparkasse Schleswig-Friedrichsberg entlassen werden, was er durch eine Fürsprache Dr.Hertings abwenden konnte. Clasen schrieb auch, daß der Beigeordnete Blum für eine Abberufung Dr.Hertings als Bürgermeister gesorgt haben soll.
Das dritte Leumundszeugnis vom 11. Juni 1946 ist ausgestellt worden von dem Direktor der Stadtwerke, E.Peter, der Dr.Herting als Idealisten lobt.
Das letzte stammt von Kurt App Üold mit Datum von 25. Juli 1947, einem Pastor der "Bekennenden Kirche", den Dr.Herting in der Kriegsgefangenschaft kennengelernt hatte und der sich sehr lobend über ihn aussprach. Seinen Worten kann man entnehmen, daß ihm Dr.Herting aber nichts über seine "Kampfzeit" erzählt hatte.
Dr.Herting schrieb im Entnazifizierungsverfahren 145): "Einerseits wollte ich nicht als Postenjäger gelten, andererseits kamen mir schon damals wegen der radikalen Durchführung nat.-soz. Probleme, insbesondere bei der Behandlung politischer Gegner, Bedenken, die mich entweder mit meinem Gewissen oder mit der Auffassung anderer Pg. in Konflikt brachten." Abgesehen davon, daß auch Dr.Herting für die "Behandlung politischer Gegner" Verantwortung trug, wäre es interessant zu wissen, wie die "Auffassung anderer Pg." war.
Nach gründlicher Abwägung aller Für und Wider neigt der Verfasser der Ansicht zu, daß sich der "Konflikt" wohl primär an der Frage entzündete, wer in Zukunft weiter bekämpft werden sollte: die Juden, wie z.B. die Familie Weinberg 146), wie von Dr.Herting gewünscht, oder die ehemaligen politischen Gegner, deren "Posten" man übernehmen wollte, wie von seinen Parteigenossen verlangt 147). Dr.Herting wurde später in die Kategorie 4 (Mitläufer) abgestuft, was aber nicht als inhaltliche Korrektur des Entnazifizierungsverfahrens verstanden werden darf, sondern als eine übliche Belohnung für eine "gute Führung". Dies ermöglichte ihm, ab 1949 wieder seinem Beruf nachzugehen.

9. Mit dem Röhm-Putsch war alles vorbei?

Dietrich Herting nimmt nicht nur des Vaters "Wort", sondern auch das seiner Mutter kritiklos auf und verkündet es so den Lesern der Schleswiger Stadtgeschichte 148): "Der Autor zitiert aus einem Gespräch mit seiner Mutter aus den 50er Jahren, als er begann, sich für die Rolle seines Vaters in jener Zeit zu interessieren, aber auch an deren, rein familiären Dingen nachzuspüren. Seine Mutter sagte ihm auf seine entsprechende Frage, was der Autor noch heute als ihren Originalton im Ohr hat, weil ihm diese Antwort sehr viele Türen zum Verstehen auch mancher von seinem Vater nicht zu Ende geführten Diskussion mit diesem öffnete: `Die Kampfzeit war im Grunde unsere schönste Zeit. 1934 gingen Vater und mir die Augen auf. Mit dem Röhm-Putsch war alles vorbei!´"
Dagegen sprechen drei handfeste Beweise: Dr.Herting veröffentlichte 1936 folgendes Grußwort in den SN: "Wozu Nordmarktreffen? Wir wollen zeigen, daß wir da sind, was wir können! Wollen wir uns messen mit Kameraden in friedlichem Kampf. Wer was kann, will seine Kraft, sein Wissen erproben. Nur der Wettstreit gibt neuen Kraftstrom, zeigt, wohin die Arbeit des neuen Ausbildungsabschnittes gerichtet sein soll. Nicht weichliches Genieß ven bierseliger Gemütlichkeit ist unsere Sehnsucht, nicht nörgelndes Beiseitestehen, nicht spießiges Geschehenlassen unsere Art. Unser Leben ist Sport, männerhärtender Sport, unsere Gemeinschaft wird geschweißt im Zusammenreißen von Körper und Geist straffer SA-Kolonnen. Das gemeinsame Erleben des SA-Treffens zeigt unsere Macht und stählt unseren opferbereiten Willen: einer für den anderen einzustehen, mitzumachen, mitzukämpfen, einig im SA-Geist, einig im Willen, das eine Ziel in einmütiger Kameradschaft zu erkämpfen, das Ziel: des Führers treue Gefolgschaft zu sein, seine nationalsozialistische Kampftruppe. Nicht für uns selber! Alles für Deutschland! Und deswegen: Nordmarktreffen! Herting, Truppführer, Führer des Marinesturms 10 / 44 m. d. F. b." 149)
Dieses Grußwort war beileibe kein Einzelfall, denn 1937 fand ein groß aufgemachter Kameradschaftsabend der NSDAP statt, auf dem Dr.Herting stolz über die "Kampfzeit" referierte 150). Der Verfasser gibt Dietrich Herting 151) überhaupt nicht recht, wenn dieser "das Scheitern seines Vaters in seinem partei- und kommunalpolitischen Engagement unter der NSDAP als zwangsläufig vorbestimmt" beschreibt. Im Gegenteil, Dr.Herting war sogar sehr erfolgreich. Er war ein "politischer Soldat" 152), der "seinen Krieg" gegen Juden, politische Gegner und "Minderwertige" haushoch gewonnen hatte. Die "Kampfzeit" war vorüber. Er kümmerte sich wieder um seinen Beruf und seine Familie und trainierte seinen Körper, damit er fit war, wenn das Vaterland ihn rufen sollte, was dann auch bald wieder der Fall war.
Die Beweislage gegen Frau Gertrud Hertings Aussage ist sogar erdrückend, wie eine Anfrage beim Bundesarchiv ergab: Am 1. Juni 1930, zwei Monate nach Dr.Hertings Aufstieg zum Ortsgruppenleiter, war auch Gertrud Herting Parteigenossin 153) unter der Nummer 261.511 geworden. Sie unterstützte ihren Mann in seiner Parteitätigkeit: "[Ich habe mich] ... für die Ziele der Partei ... eingesetzt ... , indem ich selbst von Mund zu Mund warb und Flugblätter verteilte, ferner indem ich Redner und andere Pgg. unterbrachte und beköstigte - manche sogar wochenlang". Im Juli 1932 trat sie jedoch mit folgender Begründung aus: "In den damaligen Wahlkämpfen benutzten die Gegner die widernatürliche Veranlagung des damaligen Stabschefs Röhm in den bekannten Schriften als Wahlpropaganda. Es erfolgte weder eine klare gerichtliche Verfolgung dieser unerhörten Anschuldigungen noch ein freiwilliger oder erzwungener Rücktritt Röhms. Mein ganzes Empfinden als Frau und Mutter sträubte sich aber dagegen." Viereinhalb Monate nach der Ermordung Röhms stellte sie einen Antrag auf Wiederaufnahme in die Partei, der aber wegen einer allgemeinen Aufnahmesperre abgelehnt wurde. Am 12. März 1937 richtete sie sogar ein persönliches "Gnadengesuch ... An unsern Führer Adolf Hitler in Berlin ... Mein Führer ... Mein sehnlichster Wunsch ist, wieder der Partei anzugehören ... Ich bitte Sie daher, mein Führer, herzlich, mich wieder in die Partei aufzunehmen." Als Begründung für ihr Gesuch führte sie aus: "Und schließlich darf ich noch hinzufügen, daß ich nach der Machtübernahme nochmals 3 Kindern das Leben gab, auch hierin der Auffassung meines Mannes folgend, daß alte Kämpfer für den Nationalsozialismus in jeder Beziehung Vorbild und Beispiel geben sollten. Heil! Mein Führer! Frau Gertrud Herting" 154)
Diese Einstellung wurde eindrucksvoll durch eine Geburtsanzeige in den SN bestätigt: "Das deutsche Volk wird nur dann vor dem völkischen Niedergang bewahrt, wenn die gesunde Familie mindestens 4 Kinder aufzieht. Wir zeigen die glückliche Geburt unseres 6. Kindes, eines kräftigen Jungen, an. Dr.A.Herting und Frau Gertrud, geb. Kaintoch, Schleswig, den 18.2.1936."
Da ihr Gnadengesuch abschlägig beschieden wurde, wiederholte sie es noch zweimal (1937 und 1939). Am 13. September 1939 schrieb das Mitgliedsamt in München dem Gauschatzamt Schleswig-Holstein: "... dass bei der bevorstehenden Kontingentierung eine Wiederaufnahme möglich ist. Ich bitte deshalb bezüglich einer Wiederaufnahme der genannten unter Berücksichtigung der Anordnung 34/39 von dort aus das weitere zu veranlassen und der ehemaligen Parteigenossin Gertrud Herting entsprechenden Bescheid zu erteilen." Ob die Katholikin Gertrud Herting letztendlich wieder in den "Schoß der Mutter Partei" zurückkehren durfte, ist der Aktenlage leider nicht zu entnehmen 155). Somit ist erwiesen, daß auch Gertrud Hertings Zitat Teil der "Legendenbildung" der Familie Herting ist.

10. Ergebnis

Als Erwachsener spielte Dr.Adolph Herting fünf Rollen: Er war Antisemit, Nationalist, Paterfamilias 156), (politischer) Soldat 157) und Zahnarzt. Sein Antisemitismus ließ ihn sogar zu einem frühen Wegbereiter des Holocaust werden. Hat er sein Eintreten für den Nationalsozialismus bereut? In der Anlage 12 der Entnazifizierungsakte schrieb er: "Am 11.5.45. gefangen, erfuhr ich aus französ. Mund von den Greueln in den Konzentrationslagern. Ich war starr vor Entsetzen. Nie habe ich so etwas geahnt. Das schwöre ich bei dem Leben meiner Kinder. Der Ekel würgt mich, wenn ich bedenke, da ich fast 10 Jahre des Friedens im Glauben, für eine heilige Sache zu kämpfen, vertan habe, wie die ärmsten Volksgenossen jahrelang ihre Groschen opferten, Gelder, die, wie ich jetzt weiß, für andere als wohltätige Zwecke verwendet worden sind usw. Aber ich habe mitgewirkt, wenn auch als verblendeter Idealist, stets in dem Glauben, meine Pflicht getan zu haben, meine Pflicht gegenüber meinem Volk zu erfüllen." 158) War seine Reue echt oder nur gespielt, um beim Entnazifizierungsverfahren einen guten Eindruck zu machen? Seine letzten öffentlichen Worte überlieferten uns die SN 1986: "Tief ergriffen bedankte sich der Altersjubilar, vor allem für das Gnadengeschenk der geistigen Frische." 159) Mit seinen "Nationalsozialistischen Gedanken" hat sich Dr.Adolph Herting selbst ein Denkmal der besonderen Art gesetzt.

Anmerkungen

BSSt = Beiträge zur Schleswiger Stadtgeschichte
DS = Der Schleswiger [Zeitung]
GemA Sl-Fl = Gemeinschaftsarchiv der Stadt Schleswig und des Kreises Schleswig-Flensburg
IZRG = Institut für Zeit- und Regionalgeschichte in Schleswig
LAS = Landesarchiv Schleswig-Holstein in Schleswig
SB = Schleibote
SN = Schleswiger Nachrichten
VZ = Volkszeitung - Flensburger Ausgabe

SA-Ränge und ihre Analoga bei der Wehrmacht: Scharführer - Unteroffizier, Truppführer - Feldwebel, Obertruppführer - Oberfeldwebel, Sturmführer - Leutnant, Obersturmführer - Oberleutnant, Sturmbannführer - Major, Standartenführer - Oberst, Oberführer - Rang zwischen Oberst und Generalmajor, Obergruppenführer - General. Stabsführer war kein Rang, sondern ein Titel. Der Stabsführer war hauptamtlich beschäftigt, wurde also im Gegensatz zu dem meisten anderen, ehrenamtlichen SA-Leuten bezahlt und hatte organisatorische Funktionen. Vgl. Wistrich, Robert: Wer war wer im Dritten Reich? Fischer, Frankfurt, 1993, Anhang: Vergleichende Übersicht der Ränge

1. Herting, Dietrich: Dr.Adolph Herting - nicht nur ein Schleswiger Leben. BSSt, 42, 1997, S. 99-124
2. Dazu die dänisch gesinnte, deutschsprachige Zeitung "Der Schleswiger" von 1929 bis 1934, die SPD-eigene "Volkszeitung" von 1929 bis 1932 und der "Kropper Kirchlicher Anzeiger" von 1882 bis 1917
3. SN, 8.5.1912, 10.2.1919, 13.3.1920
4. SN, 14.5.1913. Auch der Fischer Friedrich Nielsky setzte sich für diese Partei ein, wie man dieser Zeitungsausgabe entnehmen kann. Friedrich Nielsky war der Urgroßvater des 1999 amtierenden Schleswiger Bürgermeisters Klaus Nielsky. Auskunft von Herrn Klaus Nielsky am 29.6.1999.
5. Vollertsen, Nils: Der Kapp-Putsch in Schleswig 13.-20. März 1920. BSSt, 24, 1979, S.145
6. VZ, 11.4.1929. Dieser Verein existierte seit ca.1923 bis mindestens 1963; vgl. Martens, Volker: Toten- und Knochenbruchgilden im Herzogtum Schleswig. Jur. Diss., Göttingen 1966, Anhang S.12
7. Herting, Adolph: Holmer Jungs und Deerns. Landesbauernschaft Schleswig - Holstein, 14, 1934, S.467-468
8. LAS Abt. 460 Nr. 2719. Entnazifizierungsakte von Dr.Herting, Fragebogen des Military Government
9. wie Anm. 1, S.103
10. wie Anm.8
11. Herting, Adolph: Ma {ssenuntersuchungen an Schulkindern über den Zahnzustand und vergleichende spezielle Untersuchung des Erscheinen der bleibenden Zähne in höheren Schulen und Landsvolksschulen in Schleswig und Umgebung. Med. Diss., Kiel 1921; Marcussen, Johannes: Massenuntersuchungen an Schulkindern im Stadt- und Landkreis Schleswig und spezielle Untersuchungen über die Karieshäufigkeit an den bleibenden Zähnen unter besonderer Berücksichtigung des früheren Durchbruchs bei den Mädchen. Med. Diss., Kiel 1921
12. SN, 31.12.1931
13. wie Anm. 1, S.103
14. Dr.Herting war Mitglied im Braker Ruder- und Segelregattaverein, wie Anm. 8; vgl. Anm.1, S. 118, 120
15. Adreßkalender der Zahnärzte im Deutschen Reich von 1925/26, S.452; 1927/28, S.515, Bibliothek der Zahnärztekammer in Köln
16. Herting, A.: Druckablenker zur Entlastungstherapie. Zahnärztliche Rundschau, 20, 1933, S.922-923
17. LAS Abt. 309 Nr. 35020
18. Zur Erklärung der Berufsbezeichnungen Zahnarzt - Dentist - Zahntechniker siehe Ritter, Falk: Ateliers für künstliche Zähne. Eigenverlag, Schleswig 1996, S.12-18
19. SN, 18.10.1945
20. SN, 19.2.1954
21. Akten des Zahnärztevereins des Kreises Schleswig-Flensburg
22. Kreisstahlhelmtreffen in Schleswig, SN, 4.7.1932; SN, 30.1.1933, Nationale Kundgebung auf dem Rathausmarkt, Stahlhelm und NSDAP marschieren gemeinsam; Auch Dr.Trahns Nachfolger als Kreisführer des Stahlhelms war ein Zahnarzt, nämlich Dr.Ernst Meyer in Kropp. LAS Abt.320, Schleswig L. Nr.148 vom 9.2.1935. In dessen Amtszeit fiel auch die Auflösung des Stahlhelms. Zu Viohl: Vgl. Krause, Hans: Geschichte des Kirchspiels Kropp. Heinrich Möller Söhne, Rendsburg 1938, S.94.
23. wie Anm. 1, S.118
24. Zahnärztliche Mitteilungen 19, 1971, S.960; Bremer, Horst: 1946-1996. 50 Jahre Zahnärztekammer Schleswig-Holstein. Schriftenreihe der Zahnärztekammer Schleswig-Holstein, Heft 6, 1997, S. 42
25. Doll, Julius: Die Zahn- und Kieferanomalien der Pfleglinge in der Provinzial- Idiotenanstalt Schleswig Hesterberg, ein Beitrag zu Idiotie und Gebiss. Med. Diss., Kiel 1921 26. Malender Zahnarzt wurde 90. SN, 7.10.1986
27. wie Anm. 1, S.117
28. wie Anm. 26
29. wie Anm. 1, S. 120
30. LAS Abt. 320, Schleswig L. Nr.145 vom 13.11.1935
31. Herting, Adolph: Nationalsozialistische Gedanken. Teil V, SN, 5.4.1932
32. wie Anm. 8
33. wie Anm. 8
34. wie Anm. 8
35. wie Anm. 1, S. 120; Schreiber, Hermann, Schreiber, Georg: Geheimbünde. Weltbild, Augsburg 1997. Die Rosenkreutzer. S. 177-196
36. wie Anm. 1, S.120
37. SB, 12.1.1912
38. SN, 17.1.1919, 18.1.1919, 23.1.1919
39. SN, 4.8.1921
40. Siehe die SN des Jahres 1924
41. Aus der Geschichte der NSDAP, Kreis Schleswig. SN, 24.2.1934
42. Paulsen wurde 1886 in Kiel geboren, wo er auch studierte und als Arzt arbeitete; Paulsen, Ernst: Cholelithiasis beim Säugling. Med. Diss., Kiel 1912
43. Aus der Geschichte der NSDAP Ortsgruppe Schleswig. SN, 10.3.1934
44. Rietzler, Rudolf: Kampf in der Nordmark. Wachholtz, Neumünster 1982, S. 401. Dem Verfasser war kein Exemplar dieser Zeitung zugänglich.
45. M.d.L. Meyer-Quade Landrat des Kreises Schleswig. SN, 6.5.1933
46. Probefahrt des Kreisdampfers "Jochen Meyer-Quade". DS, 28.4.1934; vgl. Christiansen, Theo.: Schleswig 1836-1945. Schleswig 1973, S.180
47. IZRG Datenpool
48. Philipsen, Bernd: "...völlig überflüssige Versammlungshäuser" Die Pogromnacht vom 9./10.November 1938 in Schleswig-Holstein. In: Paul, G., Gillis-Carlebach, M. (Hrsg.): Menora und Hakenkreuz. Zur Geschichte der Juden in und aus Schleswig-Holstein und Altona 1918-1998. Wachholtz, Neumünster 1998, S. 469
49. Straub, Erich: Zur Frage der Therapie beim engen Becken. Med. Diss., Freiburg 1912
50. SN, 17.12.1929
51. wie Anm. 47
52. Michel, Fritz: Der Gebrauch des Indikativus praesentis im Französischen, sprachpsychologisch erläutert. Phil. Diss., Marburg 1919. Staatsarchiv in Marburg, Bestand 307d, acc. 1932/51, Nr.276. Dr.Michels Dissertation wird nicht im Katalog der Universität Marburg geführt, auch in keinem anderen überregionalen Verzeichnis wie dem "Verzeichnis der Deutschen Hochschulschriften" (Schreiben der Universitätsbibliothek der Universität Marburg vom 20.5.1999). Ursache war vermutlich ein Versehen der Universitätsverwaltung im Jahre 1919.
53. SN, 5.4.1933, "Zur Abwehr der jüdischen Greuelhetze"; SN, 21.8.1934 "Kommt er mit nach Nürnberg?" vgl. dazu LAS Abt. 460.12 Nr. 196, Entnazifizierungs-Akte von Dr.Fritz Michel; SN, 20.7.1935, "Warnung der Kreisleitung", vgl. dazu SN, 21.12.1935: Sondergericht in Schleswig
54. Rüdel, Holger: Einst pries er die Bücherverbrennung. SN, 26.6.95
55. Vgl. den Anhang von: Michel, Fritz: Wege nach drüben. Erlebnisbericht mit "DO X" und Käpt´n Krischan über Schleswig und von Fahrten und Flügen nach Canada und USA. Sonderdruck aus "Schleswiger Nachrichten" vom 1 7.Juli - 30. Juli 1964, Schleswig, 1964
56. SN, 8.6.1978
57. Reichstagswahlen am 31.7.1932: Schule Gallberg: SPD = 56,1 %, NSDAP = 33%. Auch bei der "Volksabstimmung" und "Reichstagswahl am 12.11.1933 war der Stimmenanteil für die NSDAP am Gallberg am niedrigsten. Im Wahlkreis Lutherstraße konnte die SPD nur wenige Stimmen gewinnen; vgl. SN, 1.8.1932, 13.11.1933
58. Reincke, Edith: Ein antijüdisches Plakat. In: Gesprächskreis Erzählte Geschichte (Hrsg.): Schleswig im Nationalsozialismus. Zeitzeugenberichte. Schleswig 1998, S.14; Ritter, Falk: Scharlatane, Heildiener und Parteigänger. Heilpraktiker und Mediziner im Kreis Schleswig (1889-1950). In: Geschichte und Biografie. Jüdisches Leben, Nationalsozialismus und Nachkriegszeit in Schleswig-Holstein. Informati onen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte (Akens) 1998, S. 28-29
59. DS, 21.6.1933
60. wie Anm. 48, S. 477
61. Bundesarchiv (ehemals Berlin Document Center BDC), Mitgliedskarte von Dr.Adolph Herting
62. SN, 16.1.1934
63. Günther, Wolfgang: Die Zeit der Krisen vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg (1910 -1945). In: Eckhardt, Albrecht et al. (Hrsg.): Brake. Geschichte der Seehafenstadt an der Unterweser. Heinz Holzberg, Oldenburg 1981, S.247-316
64. SN, 13.9.1932
65. SN, 12.6.1930
66. LAS Abt. 320, Schleswig L. Nr.130, 24.6.1930
67. VZ, 7.10.1931; vgl. VZ, 25.7.1929, SN, 27.7.1929
68. SN, 1.2.1937
69. wie Anm. 8
70. LAS 352, Kiel Nr. 3230
71. DS 16.8.1930
72. DS 28.11.1930
73. DS 21.1.1931
74. Kardel, Harboe: Mein Schleswiger Tagebuch. BSSt, 27, 1982, S.156
75. SN, 2.5.1931 bis 5.5.1931
76. wie Anm. 8, Anlage 5
77. SN, 29.6.1931
78. SB, 1.10.1931
79. SN, 20.1.1933, 21.2.1934
80. Die städtischen Kollegien tagen. SN, 6.10.1933
81. SN, 5.10.1933
82. SB, 12.4.1937, SN, 20.6.1939
83. SN, 24.10.1933
84. Bundesarchiv (ehemals Berlin Document Center BDC), Mitgliedskarte und Akten von Gertrud Herting, Schreiben des Bundesarchivs vom 21.4.1998
85. SN, 15.2.1933, 18.2.1933; vgl. Christiansen, Theo.: Schleswig 1836-1945. Schleswig 1973, S.79, S.75
86. SN, 30.3.1933
87. Schleswig - Erinnerungen des Bürgermeisters Dr.Behrens. BSSt, 8, 1963, S.23
88. Petersen, Ernst: Die Bürgermeister der Stadt Schleswig von 1350-1956. BSSt, 1, 1956, S.9
89. SN, 6.1.1932
90. Herting, Adolph: Na, da haben wir ja den Salat! SN, 22.4.1932
91. Bürgermeister Dr.Herting spricht über seine Ziele. SN, 25.10.1933
92. wie Anm. 91
93. wie Anm. 8
94. Beigeordnetenprotokolle vom 26.10.1933. GemA Sl-Fl. Rechnet man die Reichsmark auf der Basis von Hühnereiern um, so kommt man heute auf 1 RM = 2,60 DM.
95. SN, 23.1.1934, Anzeige: "Habe heute meine zahnärztliche Tätigkeit wieder aufgenommen, Dr.Herting"
96. Geburtsanzeige, SN, 27.8.1934
97. SN, 20.11.1933
98. vgl. Anm. 8, Anlage 3
99. SN, 30.12.1933
100. SN, 22.1.1934
101. wie Anm. 87, S.24
102. wie Anm. 8, Anlage 4
103. wie Anm. 1, S. 120
104. wie Anm. 8, Spruchentscheidung
105. Ausnahme: SN, 4.7.1932
106. SN, 6.7.1932 Anzeige: Kein Rückzieher!
107. M.d.L. Meyer-Quade Landrat des Kreises Schleswig. SN, 6.5.1933; SN, 3.2.1932
108. wie Anm. 68
109. Für diese Erklärung dankt der Verfasser Herrn Bernd Philipsen von den SN
110. Anhang zu Dr.Hertings Kriegstagebuch 1. Weltkrieg. S.5, GemA Sl-Fl
111. SN, 4.3.1931
112. SN, 9.3.1931
113. Clausen, Hermann: Der Aufbau der Demokratie in der Stadt Schleswig nach den zwei Weltkriegen. Skandia, Flensburg 1966, S.116, 122
114. Diese Einschätzung Clausens war nicht korrekt, denn die NSDAP war eine richtige Volkspartei. Quelle: Grabitz, H., Bästlein, K., Tuchel, J., Klein, P., Voigt, M.: Die Normalität des Verbrechens. Edition Hentrich, Berlin 1994, S.37
115. wie Anm. 113, S.128
116. Herting, Adolph: Nationalsozialistische Gedanken. Teil I., SN, 23.3.1932
117. DS 31.1.1930
118. SN, 3.2.1931, 15.1.1932, 22.2.1932, 18.3.1932
119. SN, 9.3.1931, 16.4.1932
120. SN, 14.9.1931
121. SN, Reden: 6.1.1932, 9.2.1932, Schriftliches: 11.3.1932, 23.3.1932, 2.4.1932, 5.4.1932, 22.4.1932, 29.10.1932, 31.10.1932, 2.11.1932, 4.11.1932
122. SN, 11.3.1932
123. SN, 31.3.1933 bis 5.4.1933
124. Koch, Erich: Was nützt einem die Assimilation, wenn man Horwitz oder Weinberg heißt. Schicksale jüdischer Familien in Schleswig. In: Paul, G., Gillis-Carlebach, M. (Hrsg.): Menora und Hakenkreuz. Zur Geschichte der Juden in und aus Schleswig-Holstein und Altona 1918-1998. Wachholtz, Neumünster 1998, S. 382-384
125. SN, 6.4.1932, 25.1.1936
126. SN, 11.3.1932, 23.3.1932, 24.3.1932, 5.4.1932, 11.3.1933
127. wie Anm. 124, S. 370
128. wie Anm. 1, S. 110
129. Goldhagen, D.J.: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust. Siedler, Berlin 1996, S.103
130. wie Anm. 129, S.678-679
131. SN, 9.1.1934
132. Herting, Adolph: Nationalsozialistische Gedanken. Teil II, SN, 24.3.1932
133. wie Anm. 8
134. Vortrag von Prof.Dr.U. Danker am 6.3.1997 im Prinzenpalais in Schleswig mit dem } Thema: "Pension für den ehemaligen Gauleiter Lohse"
135. SN, 12.12.1931, 6.1.1932, 9.2.1932, 26.3.1932, 13.9.1932, 23.1.1933, 11.3.1933, 22.3.1933, 30.3.1933, 2.5.1933, 6.5.1933, 14.6.1933, 6.10.1933, 23.2.1934. Die "Hüsbyer" Rede konnte nicht ermittelt werden. Dr.Herting hielt fast nur in Schleswig politische Ansprachen. Gefundene Ausnahme: 17.3.1933 in Kropp. Vgl. Krause, Hans: Geschichte des Kirchspiels Kropp. Heinrich Möller Söhne, Rendsburg 1938, S.93.
136. wie Anm. 26
137. wie Anm. 8, Dr.Hertings Aussage vor dem Entnazifizierungsausschuß am 27.8.1947
138. wie Anm 1, S. 111, 108
139. wie Anm. 8, Anlage 5; vgl. Dr.Hertings Aussage vor dem Entnazifizierungsausschuß am 27.8.1947, Anm. 8; vgl. Anm 1, S.115
140. Skierka, Joachim: "Rundbriefe" der Domschule Schleswig als historische Quelle 1940 bis 1944. BSSt, 42, 1997, S. 51, 74-75
141. Dr.Hertings Kriegstagebuch II. S.9, GemA Sl-Fl
142. wie Anm. 47
143. wie Anm. 8
144. Ernst Ramcke war der Bruder des Fallschirmjägergenerals Bernhard Ramcke, dem die Schleswiger 1951 einen triumphalen Empfang boten. SB, 7.7.1951. Andersen schrieb Ramckes Namen falsch; Ramckes Rang war 1934 erst SA-Obertruppführer und nicht Sturmbannführer. Vgl. SN, 24.2.1934
145. wie Anm. 8, Anlage 3
146. wie Anm. 124
147. SN, 14.10.1933, SN, 22.1.1934. Bei der Stadt wurden vorzugsweise Nationalsozialisten eingestellt.
148. wie Anm. 1, S.112-113
149. Dr.Hertings Grußwort zum Nordmarktreffen. SN, 23.5.1936
150. wie Anm. 68
151. wie Anm. 1, S.108
152. Wegner, Bernd: Hitlers politische Soldaten. Schöningh, Paderborn 1982, S.36
153. wie Anm. 84
154. wie Anm. 84
155. wie Anm. 84
156. wie Anm. 1, S.120
157. wie Anm. 152
158. wie Anm. 8, Anlage 12 159. wie Anm. 26

Nachweis der Abbildungen in der gedruckten Fassung

Abb.1: SN, 24.10.1933
Abb.2: Eigentum des Verfassers (1998)
Abb.3: Photograph  Vahlendieck sen., Dank an seinen Sohn Wilhelm Vahlendieck
Abb.4: SN, 21.2.1934
Abb.5: Michel, Fritz: Stunden der Besinnung. Reich, Hamburg 1960
Abb.6: SN, 24.2.1934
Abb.7: GemA Sl-Fl, vgl. SN, 31.3.1933

Korrekturen der gedruckten Version:
- Unter der Abb. 1 auf Seite 76 muß es heißen: "Dr.Adolph Herting in Kreisleiteruniform mit dem Ordensband des EK II."
- In der Bildunterschrift der Abb.3 auf Seite 80 wurden Meyer-Quade und Reimann vertauscht. : 1. von links ist Reimann, 2. ist Meyer-Quade.
- Seite 83, 6. Zeile von unten: Es muß heißen. "Dr. Herting bekleidete dieses Amt bis zum 31. August 1932."

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