
Einleitung
Am 29.5.94 wurde der Zahnärzteverein Schleswig-Flensburg e.V.
40 Jahre alt. 0) Zu diesem Anlaß entschloß sich der Autor,
seine Chronik zu verfassen. Man könnte natürlich die Frage stellen,
welchen Nutzen eine solche Chronik bringen soll.
- Zum ersten geht es darum, verschüttetes Wissen aus früherer
Zeit wieder zugänglich zu machen.
- Zum zweiten geht es darum, hervorragenden Kollegen, wie zum Beispiel
J.C.F.Besser, (bis 1840 in Schleswig) ein Denkmal zu setzen.
- Der dritte Grund soll an einem Beispiel erläutert werden: Am
15.4.1995 verstarb der ehemalige Dentist und Zahnarzt Johannes Moritzen
jun. im Alter von 65 Jahren. Der Vorsitzende des Zahnärztevereins
Thomas Liekefett veröffentlichte fünf Tage später einen
Nachruf, der mit dem Satz endete: "Wir werden ihn in kollegialer Erinnerung
behalten." 1) Dies ist ein üblicher Nachruf, wie man ihn fast täglich
in den Zeitungen findet. Aber er ist ein Versprechen, das leider nicht
erfüllt werden kann, weil kaum einer der jetzt praktizierenden Kollegen
wußte, wie Johannes Moritzen aussah, geschweige denn, daß jemand
mit ihm mal ein paar Worte gewechselt hätte. In wenigen Jahren werden
auch seine Patienten nur noch sagen können, daß sie mal bei
einem Zahnarzt waren, der dort oben ... (in St.Jürgen) praktizierte,
an dessen Namen sie sich aber nicht mehr erinnern können.
- Und letztendlich soll diese Arbeit den Leser auch unterhalten, zum
Beispiel mit dem Kapitel "Behandlung ohne Betäubung". Was den Umfang
der Arbeit anbelangt, so mußte der Autor schnell erkennen, daß
es nicht genügen würde, nur über die Geschichte dieses Vereins
zu schreiben, denn sein ältestes Gründungsmitglied - der ehemalige
Dentist Spangenberg - praktizierte schon seit 1906 und das zweitälteste,
Dr.Trahn, seit 1914 in Schleswig. Der "alte Dr. Herting" - als "erster"
1. Vorsitzender 0) - war dagegen noch ein relativ junger Zahnarzt, denn
seine Praxis bestand erst seit 1928 2) in Schleswig. Die weitere Arbeit
in den Archiven förderte zutage, daß der erste nachweisbare
Zahnarzt im Kreis Schleswig im Jahre 1802 in Friedrichstadt weilte. Er
hieß Israel David und stammte aus Sachsen. 3,4) Es ist nicht auszuschließen,
daß es auch vorher schon Zahnärzte im Kreis Schleswig gab, denn
in Tönning arbeitete schon 1679 der Fluß-, Zahn- und Wundarzt
Johann Philipp Rauch Waldtmann, der die Erlaubnis hatte, in den Herzogtümern
Schleswig und Holstein Patienten zu behandeln. 5) Aber es mußte ein
überschaubarer zeitlicher, örtlicher und thematischer Rahmen
gewählt werden, der sich dann auch im Untertitel dieser Arbeit niederschlug.
Als Vorbild dienten die Arbeiten der Kollegen Lohse und Prion 6, 6a)
Quellen
Die Quellenlage war trotz des Verlustes der Protokolle des Schleswig-Holsteinischen
Sanitätskollegiums gut, denn alle Zahnbehandler (mit Ausnahme der
Barbiere) waren fleißige Inserenten. Auch das Fehlen von militärischen
Quellen wirkte sich nicht negativ aus. 7) Friedrichstadt gehörte von
1867 bis 1973 dem Kreis Schleswig an. 7a) Die wichtigsten Quellen für
die vorliegende Chronik waren:
1. die Zeitungen Schleswigs, Friedrichstadts und Kappelns im 19. Jahrhundert.
Sie waren deshalb so wertvoll, weil alle Zahnbehandler mit Ausnahme der
Barbiere fleißige Kleininserenten waren, die zum Teil bis zu zweimal
pro Woche inserierten. Die untereinander aufgeführten Zeitungen in
der jeweiligen Ortschaft sind nacheinander, nicht gleichzeitig erschienen.
In Schleswig: Schleswigsches Wochenblatt zur Unterhaltung und Aufklärung
Schleswigsches Intelligenzblatt Schleswigsche wöchentliche Unterhaltungen
Königlich-privilegirtes Intelligenzblatt Kgl. priv. Schleswiger Intelligenzblatt
Schleswiger Nachrichten
In Friedrichstadt: Der Ditmarser und Eiderstedter Bote Kgl. privile.
Friedrichstädter Intelligenzblatt, Unterhaltungs- und Anzeigenblatt
Kgl. priv. Eiderstedter und Stapelholmer Wochenblatt c In Kappeln: Cappeler
Wochenblatt Angler Zeitung Schlei - Bote Um die Herkunft einer Anzeige
leicht zu erkennen, wurden folgende Kennzeichen entwickelt: Geht aus dem
Text nicht eindeutig hervor, wo die Anzeige erschien, so wird direkt an
das Erscheinungsdatum oder -jahr ein Buchstabe angehängt. "S" bedeutet
"in Schleswig erschienen", "F" bedeutet "in Friedrichstadt erschienen"
und "K" bedeutet "in Kappeln erschienen". Beispiele: 15.5.1835 K, 1899
F oder (1806 S).
Die vorhandenen Zeitungsbestände weisen aber unterschiedlich große
Lücken auf.
- In Schleswig sind die Jahrgänge 1791 -1810 der "Schleswigschen
wöchentlichen Unterhaltungen" bis auf wenige Exemplare des Jahres
1806 nicht erhalten und im Jahre 1811 war in Schleswig keine Zeitung erschienen.
- In Friedrichstadt fehlen die Jahrgänge 1847-1849, 1853,1854,1857,
1870 u 1883. 10
- Die größte Lücke im Zeitungsbestand weist Kappeln
auf. Vorhanden waren: "Cappeler Wochenblatt" Nr. 7 vom 16.2.1845, Nr. 18
vom 5.5.1849, "Angeler Zeitung" vom 10.5.1864 bis 23.6.1866 und der "Schleibote"
ab dem Jahre 1883.
Die zweite wichtige Quelle bildeten die Volkszählungslisten.
3. Die Zahnärztlichen Almanache von 1877, 1879, 1880 und Adreßkalender
für Zahnärzte von 1899 und 1901.
4. Deutsche Vierteljahresschrift für Zahnheilkunde ab 1860
5. Deutsche Monatsschrift für Zahnheilkunde ab 1883
6. Zahntechnische Reform ab 1880
7. An- und Abmelderegister der Stadt Schleswig, Stadtarchiv
8. Adreßbücher von Schleswig und Schleswig-Holstein
9. Danske Tandlæger. 1. Teil bis 1853, Andelsbok Trykkerriet,
Odense, 1931. Die Übersetzungen aus diesem Buch erstellte der Autor
frei nach bestem Wissen.
10. Joachim Skierka: Schleswig in der Statthalterschaft 1711-1836.
Husumer Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H. u. Co. KG, Husum 1991.
11. Die Akten des Barbieramtes von Schleswig aus dem Stadtarchiv.
12. weiteres Material aus den Archiven der Stadt Schleswig (StA), des
Kreis Kirchenamtes Schleswig (KKA Sl), Kulturstiftung des Kreises Schleswig-Flensburg,
des Landesarchivs Schleswig (LAS), der Landesbibliothek Kiel, Universitätsbibliothek
Kiel, Staatsarchiv Hamburg.
Lücken in den Quellen
Insbesondere reisende Zahnbehandler waren darauf angewiesen, ihr Kommen
vorher anzukündigen. Dies konnte aber auch durch überregionale
Zeitungen wie den "Altonaer Mercur" oder das "Itzehoer Wochenblatt" geschehen
sein, welche beide nicht durchgesehen wurden, ebensowenig wie die Zeitungen,
die in den angrenzenden Kreisen erschienen. Ihre Durchsicht hätte
die Quellenauswertung mehr als verdreifacht und soll späteren Arbeiten
überlassen werden. Bei einer flächendeckenden Durchsicht der
Zeitungen Schleswig-Holsteins nach Zahnbehandlern wäre es überdies
möglich, die Wanderwege der reisenden Zahnbehandler zu erfassen. Die
vorliegende Arbeit erfaßte nur ihre Zeitungsanzeigen im Kreis Schleswig.
Andere Werbemittel wurden hier nicht gefunden, was aber nicht heißt,
daß es sie nicht gab. Ein gutes Beispiel für frühere Reklamemethoden
zeigt heute noch mancher Zirkus: Es werden Plakate angebracht, Handzettel
verteilt und Ausrufer gehen durch die Stadt. Auch ein einfaches Schild,
an der Außenseite eines Hauses angebracht, erfüllte in einer
belebten Straße bestimmt seinen Zweck. Nicht jeder niedergelassene
Zahnbehandler mag ein Interesse gehabt haben, allzu bekannt zu werden,
wie z.B. die Pfuscher, die ohne behördliche Konzession arbeiteten.
Sie lebten von der "Mundpropaganda hinter der vorgehaltenen Hand". Beispiele
dafür kennen wir heute noch: es sind die Frauen, die Warzen und Gürtelrosen
"besprechen". Es ist auch ungeklärt, wie insbesondere die Landbevölkerung
zahnmedizinisch versorgt wurde, da im 19. Jahrhundert nur wenige Barbier-Chirurgen
außerhalb von Schleswig, Friedrichstadt und Kappeln gefunden werden
konnten.
Denkbar wären folgende Lösungen:
- Es wurden nicht alle Barbier-Chirurgen erfaßt.
- Die Patienten nahmen lange Wege in Kauf.
- Die Zahnbehandler machten auch regelmäßige Touren übers
Land. Zum Beispiel war der Schleswiger Amtsbarbier und Chirurg Ewolt Schmidt,
der im Kratzenberg (Friedrichsberg) wohnte, 1656 zuständig für
die Arens-, Kropp- und Hütterharde. 8)
- Sie wurden von den Ärzten zahnmedizinisch versorgt. Auf den
Dörfern gab es nämlich schon zu Anfang des 19. Jahrhunderts Ärzte,
wie zum Beispiel Dr. med. et chir. C. Schröder, der sich 1837 in Süderstapel
niederließ. 9)
Adressenangaben
Die heutige Art, Adressen anzugeben, gibt es in den Schleswiger Adreßbüchern
erst seit 1889. Vorher war Schleswig in acht Quartiere aufgeteilt und jedes
Haus bekam eine Nummer. Die ersten fünf Quartiere umfaßten die
Altstadt bis Gallberg und Kornmarkt, das sechste Quartier war der Holm,
das siebente Quartier umfaßte den Lollfuß und angrenzende Straßen,
das achte Quartier war der Friedrichsberg. Schloß Gottorf und St.-Johanniskloster
gehörten nicht zur Stadt Schleswig. Beispiele: Die letzte Adresse
des Zahnarztes Besser war 1840: 2.Quartier No. 66, das ist heute Süderdomstraße
7. Die Adressenangaben waren zum Teil sehr verwirrend. Friedrich Jacobsen
gab zum Beispiel 1875 als Adresse Gallberg No. 17 an, was 1.Q.No.17 bedeutete
und nach der Adressenänderung in Schleswig Gallberg Nr. 13 war. 218)
Mit Bildern in den Anzeigen warben alle Zahntechniker in Kappeln, wobei
Asmussen, seine Nachfolger und Francke jr. fast identische Anzeigen verwendeten.
Auch Bauer in Süderbrarup, Bufleb in Friedrichstadt und Zahnarzt Stein
aus Kiel schmückten ihre Anzeigen mit Bildern. Druckvorlagen dafür
wurden als sogenannte "Galvanos" verkauft, z. B. bei Poulson. 58) Die Schleswiger
Zahnbehandler inserierten immer ohne Bild.
Definitionen
Da es im 19. Jahrhundert eine Fülle von Berufsbezeichnungen innerhalb
der Zahnheilkunde gab, werden diese erst einmal definiert. Zahnbehandler
ist in der vorliegenden Arbeit ein Begriff, der im 19. Jahrhundert nicht
gebräuchlich war. Der Autor benutzt ihn für alle Behandler, die
ungeachtet ihrer Ausbildung Zahnheilkunde betrieben. 1939 mußten
in Deutschland alle 12 jüdischen Zahnärzte, die noch Glaubensgenossen
behandeln durften, die Berufsbezeichnung "Zahnbehandler" tragen. 10) Die
verschiedenen Zahnbehandler werden erst tabellarisch aufgelistet, dann
einzeln definiert: Hochschulabsolventen: Zahnarzt Hofzahnarzt prakt. Zahnarzt
(Zahnarztlehrling) Dr. der Chirurgie Klinik für ... andere geprüfte
Zahnbehandler: Barbiere Chirurgen Operateure Zahnkünstler ungeprüfte
Zahnbehandler: Zahntechniker Zahnartist Dentist amerikanischer Zahnarzt
Heilgehülfe Inhaber eines "Ateliers für ..." usw. Zahnbehandler
ohne Angabe der Berufsbezeichnung Pfuscher Um Mißverständnissen
wegen der Ähnlichkeit der Berufsbezeichnungen vorzubeugen, wird darauf
hingewiesen, daß Heilpraktiker und Chiropraktiker nicht berechtigt
sind, Zahnheilkunde auszuüben. 11)
Hochschulabsolventen
Die Bezeichnung Zahnarzt ist heute und war auch damals geschützt.
Sie meint den Angehörigen eines Berufsstandes, der an einer Chirurgischen
Akademie oder Universität ein Examen erfolgreich abgelegt hat. Die
Voraussetzungen, um zur Prüfung zugelassen zu werden, waren zeitlich
und örtlich verschieden und sind nicht Gegenstand dieser Chronik.
12) Um zu praktizieren, bedurfte es damals wie heute noch einer Approbation.
Den Doktortitel (Dr. med. dent. = Doctor medicinae dentium) konnten Zahnärzte
in Preußen erst seit 1919 erwerben. 13, 13a) Es gab auch den Titel
des Hofzahnarztes. Der Weg zu seiner Erlangung war wahrscheinlich ebenso
unterschiedlich wie der Behandlungsvertrag, der damit verbunden war. Nur
von Moses Salomon Levi konnte beides genau ermittelt werden. Im Titel praktischer
Zahnarzt war der Zusatz "praktischer" ohne Bedeutung, da es damals keine
offiziellen Vorschriften gab, diediesen Zusatzregelten.1879 gab es in Schleswig-Holstein
26 Zahnärzte. 14) 13 Der Zahnarztlehrling war vermutlich ein (angehender)
Student, der lt. § 4 Absatz 2 der Vorschriften über die Prüfung
der Zahnärzte vom 5.Juli 1889 seine "mindestens einjährige praktische
Thätigkeit bei ... einem approbirten Zahnarzt absolvierte ... Die
... Thätigkeit ... muß außerhalb des ... zahnärztlichen
Studiums stattfinden." 15) Hierzu Näheres bei Stolley und Doll. Der
Doctor der Chirurgie befaßte sich normalerweise mit den großen
und schwierigen Operationen und durfte Medikamente nur äußerlich
anwenden. Selbstverständlich konnte und durfte er auch Zähne
ziehen. War ein Chirurg "zur medizinischen Praxis berechtigt", so durfte
er Medikamente auch innerlich anwenden. Klinik Von 1883 bis 1889 titulierte
Stolley in Schleswig seine Praxis "Klinik für Mund- und Zahnkranke",
ebenso wie Doll am 3.8.1894 von seiner "Poliklinik für Mund-, Kiefer-,
und Zahnkrankheiten" sprach, die er zusammen mit Dr.phil. Greve führte.
Unter Klinik wurde damals ein Institut verstanden , in welchem Heilkunde
an Kranken praktisch gelehrt wurde. 16) Stolley und Doll legten das wohl
so aus, daß jeder Zahnarzt, der einen Assistenzzahnarzt ausbildete,
seine Praxis Klinik nennen durfte.
andere geprüfte Zahnbehandler
Die Barbiere waren nach Stand und Berufsauffassung Handwerker, wie
die Schreiner oder Schmiede. Ihr Handwerk war die Pflege des Leibes, und
ihr charakteristisches Handwerkszeug das Messer zum Scheren der Haare,
für Amputationen und Wundenbehandlungen. Arztkunst und Handwerk, Krankenbehandlung
und Krankenpflege waren ungetrennt. 17). Die Barbiere sind aus den Badern
hervorgegangen. Der Bader war der Besitzer und / oder Vorsteher einer Badestube.
Er war zur Ausübung der niederen Chirurgie und zum Rasieren berechtigt.
Da sich aus finanziellen Gründen nicht jeder ausgebildete Bader eine
Badestube leisten konnte, entstand mit der Zeit ein neuer Berufsstand -
die Barbiere - die im Prinzip das gleiche Behandlungsspektrum anboten,
aber eben ohne Bad. 18) 1779 wurden die Barbiere und Bader durch (deutsche)
Reichsgesetze vereinigt. 19) Auch vor Gründung des Barbieramtes 1647
in Schleswig 20,24) gab es schon Barbier-Chirurgen wie z.B. Dietrich Fick,
der seit 1584 "Hofbalbierer" am Schloß Gottorf war und 1616 starb.
21, 22) Das traditionale Gesundheitswesen bestand aus 4 Gruppen von approbierten
Heilern: Den Ärzten, Apothekern, Chirurgen und Hebammen. Da die Barbiere
zu den "niederen Chirurgen", gehörten, nannten sie sich auch Chirurgen.
23) Die Barbiere hatten Lehrlinge, Gesellen und Meister und schlossen sich
zu Ämtern zusammen, woher der Name "Amtschirurg" kommt. 24) "Amt"
war vor der Einführung der Gewerbefreiheit in Preußen vergleichbar
mit dem heutigen Begriff "Innung", während es heute eine staatliche
Behörde bezeichnet.
Die Herzogtümer Schleswig und Holstein wurden bis zur preußisch-
österreichischen Invasion 1864 von Dänemark regiert. Anläßlich
der Gründung der Chirurgischen Akademie in Kopenhagen erließ
der dänische König am 25. August 1786 eine Verordnung, daß
in Zukunft nur noch die dort geprüften Wundärzte Zähne ziehen
durften. Dies mußte er 1788 widerrufen 25), weil sonst die zahnmedizinische
Versorgung in den Herzogtümern zusammengebrochen wäre.Der letzte
Barbier, der sich in Schleswig noch "Chirurg" nannte, war Johs. Ludwigsen
im Jahre 1893. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelten sich die Barbiere
zum Beruf des Friseurs hin. Mit der neuen Gesellen-Prüfungsordnung
vom 20.3.1901 fand die Trennung zwischen Haar- und Heilkunst statt. Seitdem
wurde das Anfertigen von Pflastern und Salben nicht mehr geprüft.
26) Die Berufsbezeichnung "Barbier" verschwand in den Schleswiger Adreßbüchern
1934.
Die Operateure
waren in der Hierarchie der Heilberufe unterhalb der Barbiere angeordnet.
Dazu gehörten die Zahnbrecher oder Dentisten. In Inseraten nannten
sie sich auch Zahnoperateure, Hühneraugen- oder Leichdornoperateure
und Oculisten. Zu den Operateuren zählten auch die Starstecher, Bruch-
und Steinschneider. 27)
Die Zahntechniker
(im Kapitel "ungeprüfte Zahnbehandler") waren natürlich auch
bemüht, ihr Image durch Qualitätssicherung zu heben. So wurde
am 18.7.1881 in Hamburg die Satzung der Zahnkünstlerinnung erlassen.
Um hier Mitglied zu werden, mußte man eine Prüfung bestehen.
Sie zerfiel in einen theoretischen und einen praktischen Teil. Im praktischen
Teil mußten folgende Arbeiten durchgeführt werden: 1) Gebiß
aus Kautschuk resp. Goldbasis 2) Vorarbeiten und anpassen 3) Zahnfüllen
und Zahnziehen 4) Ausführen von Apparaten zum Geraderichten schiefstehender
Zähne sowie von Obturatoren (Prothese bei Wolfsrachen bzw. Hasenscharte).
28)
ungeprüfte Zahnbehandler
Am 21.6.1869 erließ der Norddeutsche Bund eine neue Gewerbeordnung,
die einerseits große wirtschaftliche Freiheiten brachte, auf der
anderen Seite aber die Privilegien von Zünften und Ämtern für
null und nichtig erklärte. Das hatte weitreichende Auswirkungen auf
die zahnärztliche Versorgung, denn neben den staatlich geprüften
Zahnärzten und den von den Ämtern geprüften Barbieren durften
jetzt auch ungeprüfte Personen Zahnheilkunde betreiben. Sie standen
im wesentlichen nur unter zwei Einschränkungen: Sie durften sich nicht
Zahnarzt nennen und lt. Ministerialerlaß vom 16.5.1887 bei Ausübung
des Wandergewerbes nur prothetische Leistungen erbringen. Es gab eine große
Rechtsunsicherheit darüber, wie sich ungeprüfte Zahnbehandler
nennen durften, was sich in vielen Prozessen niederschlug, über die
sowohl in der "Deutschen Monatsschrift für Zahnheilkunde" als auch
in der "Zahntechnischen Reform" laufend ausführlich berichtet wurde.
Zahntechniker war die damals häufigste Berufsbezeichnung der ungeprüften
Zahnbehandler. Seit dem 1.10.1920 waren Zahntechniker nach § 123 RVO
verpflichtet, sich einer Prüfung zu unterziehen, wenn sie zu den RVO-Kassen
zugelassen werden wollten. Seit dem neuen Zahnheilkundegesetz von 1952
dürfen sie nur noch zahntechnische Arbeiten im Auftrage eines Zahnarztes
außerhalb des Mundes des Patienten anfertigen. Die Zahntechnik ist
heute ein Lehrberuf mit Gesellen, Meistern und Innung.
Während der 13. Jahresversammlung des Centralvereins deutscher
Zahnärzte in Bremen vom 4.-6. August 1879 wurde die Zahl der Zahntechniker
in Schleswig-Holstein mit 74 angegeben. Es wurde auch eine Fragebogenaktion
durchgeführt, die erbringen sollte, wie sich Zahntechniker auf ihren
Schildern bezeichnen:
"Zahntechniker, Zahnkünstler, Zahnartist, Dentist, Zahnoperateur,
in Amerika approbirter Zahnarzt, Doctor, Arzt, Zahnarzt, Specialist für
Zahnleidende, Docent, Lehrer der modernen Zahntechnik, amerikanische Doctorin
of dental surgery, Schweizer Zahnarzt, Atelier für zahnärztliche
Operationen, zahnärztliches Atelier, Atelier für künstliche
Zähne und sämmtliche Zahnkrankheiten, eines Zahnarzt Nachfolger.
Die früheren, zum Theil noch beibehaltenen Berufsarten der Techniker
sind: Barbiere, Friseure, Gastwirthe, Porzellanreisende, Goldarbeiter,
Barbierstochter, Gelbgiesser, Uhrmacher, Malergehülfe, Buchhändler,
Lazarethverwalter, ein entlassener Kriegsgerichtssecretair, der in der
Folge Leinwandhändler und dann Cassirer war, Schauspieler, Kegelbahnwirth,
Thierarzt, Drechslergeselle, ehemaliger Candidat der Medicin, Kaminfeger,
Wundarzt, Schauspielerswitwe, Opernsänger, Invalide." 14)
Auch der Zahnartist war ein ungeprüfter Zahntechniker.
Dentist war 1820 in Schleswig-Holstein die Bezeichnung für Operateure,
die Zähne zogen. 29) - war und ist die angelsächsische Bezeichnung
für "Zahnarzt". - Ab 1934 nannten sich alle Zahntechniker Dentisten.
30)
Durch das neue Zahnheilkundegesetz von 1952 wurden alle Dentisten,
die es wünschten, nach einem Aufbaulehrgang zu Zahnärzten ernannt.
Danach durften nur noch an Universitäten ausgebildete und geprüfte
Personen Zahnarzt werden. Damit war der "Dualismus" hier Zahnarzt - dort
Dentist / Zahntechniker beendet.
Amerikanischer Zahnarzt, Doctor of Dental Surgery (DDS), Nun gab es
in Deutschland einige wenige Zahnärzte, die in Amerika studiert hatten
und berechtigt waren, den Titel DDS zu führen. Aber in vielen Fällen
handelte es sich bei den Trägern des Titels DDS um Käufer von
Doktordiplomen. 31,32,33) Beispielsweise erschien am 7.8.1872 folgende
Anzeige in den Schleswiger Nachrichten: Doctor in absentia kann gemacht
werden von allen Personen des Gelehrtenstandes, Apothekern, Chemikern,
Physikern usw. Unentgeltliche Auskunft bei Medicus 46 Königstr. in
Jersey (England)
Adolph Petermann 34), der Herausgeber des ersten deutschen Zahnärztlichen
Almanachs 1877 hatte es sich insbesondere zur Aufgabe gemacht, die Titelhändlerei
auszumerzen. Er schrieb alle Zahnärzte in Deutschland und Österreich
an und bat sie, ihm ihre Berufsbezeichnung, den Namen ihrer Lehranstalt
und das Datum ihrer Approbation zuzusenden. Dann prüfte er diese Angaben
nach. Waren die Zahnärzte berechtigt, diese Berufsbezeichnung zu tragen,
so wurden sie im Almanach aufgenommen. Waren sie es nicht, so schrieb er
sie wieder an und bat sie um Aufklärung. War diese nicht befriedigend,
so veröffentlichte er seinen Schriftwechsel im Almanach und stellte
die Betroffenen so an den Pranger. Auch strengste er Prozesse gegen sie
an und ermunterte Kollegen, ebenso zu verfahren.
Zum Titel DDS: Es gibt auch den Titel DMD (Dental Medicine Doctor),
der von einigen amerikanischen und englischen Dental Schools verliehen
wird. Die gegenseitige Nichtanerkennung von Berufsabschlüssen zwischen
verschiedenen Ländern ist ein Problem, das jeden trifft, der im Ausland
arbeiten möchte. Weitere "Dr.-Titel" in Amerika sind zum Beispiel
der "Master of Science in Dentistry" (MSD) oder "Philosophy Doctor" (PhD).
35)
Rudolph Martiens, der ab 1891 in Schleswig als Zahntechniker und später
in Berlin als Doctor of Dental Surgery praktizierte, hatte sich mit an
Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Titel DDS gekauft.
Heilgehülfen
Am 3.9.1872 erließ die Regierung zu Schleswig eine Verfügung
zwecks "Ablegung der Prüfung behufs Erlangung des Befähigungs=Zeugnisses
als geprüfter Heildiener". 36) Im Prinzip war dies eine staatliche
Prüfung für Barbiere. Nur wer sie erfolgreich absolvierte, durfte
sich "geprüfter Heildiener" nennen. Interessant ist, daß im
Punkt 5 der Prüfungsordnung darauf gedrungen wurde, "auf genügende
Kenntnis des Lesens und des Schreibens zu achten". Diese Prüfung war
kein großer Anreiz, konnte man doch lt. Gewerbeordnung auch ohne
sie praktizieren, außerdem war der Titel "...diener" nicht sehr attraktiv
für einen Berufsstand, der Wert darauf legte, unabhängig zu sein.
Hatte man diese Prüfung nicht bestanden oder gar nicht erst angetreten,
so nannte man sich eben "Heilgehülfe", wie es C.Francke jr. in Kappeln
tat. Die "Heildiener" arbeiteten vermutlich überwiegend in den Krankenhäusern.
Um dort angestellt zu werden, brauchten sie dieses Zeugnis. Dem Autor wurde
berichtet, daß es auch den Titel "Heilkünstler" gab, der genauso
zu bewerten war wie der des Heilgehülfen. "Zahnatelier, Atelier für
künstliche Zähne, Gebisse, Zahnkranke usw." war eine sehr beliebte
Bezeichnung für die Arbeitsstätte von ungeprüften Zahntechnikern.
Aber auch der Hofzahnarzt Stolley nannte am 21.7.1885 im Kappelner Schleiboten
seine Praxis "Atelier für künstl. Zähne".
"Ohne Berufsbezeichnung"
Es gab auch ungeprüfte Zahntechniker, die weder sich selbst noch
ihrer Arbeitsstätte einen Titel gaben, wozu z.B. der Schleswiger C.Carstens
gehörte, der gelernter Uhrmacher war.
Pfuscher 32)
konnten nicht eindeutig nachgewiesen werden, obwohl es sicher etliche
von ihnen gab. Vermutlich waren Ahrendt 1827 in Friedrichstadt und Schäfer
Ast am Radbruch / Winsen / Luhe 1895 dazuzuzählen. Lt. Eiderstedter
und Stapelholmer Wochenblatt vom 8.1.1891 gab es in Schleswig-Holstein
49 allgemein bekannte Pfuscher, die als sogenannte "kluge Schäfer",
"kluge Frauen" und "Kräuterfrauen" bezeichnet wurden. Zu den Pfuschern
gehörten lt. Sander 37) ursprünglich auch :
- das den Ärzten nachgeordnete Heilpersonal - fahrende Heiler
- Schäfer, Hirten, Klee- und Wasenmeister (Abdecker), Scharfrichter,
Henker
- Laienpraktiker im eigentlichen Wortsinn , die nur gelegentliche medizinische
Empfehlungen oder Dienste etwa im Verwandten- oder Freundeskreis geben;
auch die Selbstmedikation fällt darunter.
- auch geprüfte Personen, die ohne die Erlaubnis der Obrigkeit
praktizierten, wurden so genannt. 48) Genüßlich berichteten
die Zahntechniker 1886 über einen besonderen Fall von Pfuscherei 38):
"Eine Zahnarztwitwe wird, wenn sie das Geschäft weiterführt,
selbst unter Assistenz eines approbirten Zahnarztes, zur - `Kurpfuscherin´.
Indessen - hierbei wird wohl meist ein Auge zugedrückt. So hat z.
B. eine Witwe in Lüneburg das Geschäft ihres Mannes bisher ruhig
fortgeführt unter der Firma: Dr.Fricke jr., Zahnarzt (Wwe.). In dem
Orte ist nur ein approbirter Zahnarzt: Herr Fricke jr. und cornix cornici
oculos non effodit." 39) Pikant war insbesondere die Namensgleichheit mit
dem ersten Lehrer der Zahnheilkunde in Schleswig Holstein, dem Privatdozenten
Dr.Fricke in Kiel; weitergehende Beziehungen bestanden aber zwischen diesen
Frickes nicht.
Anzeige in den SN vom 4.8.1865
Kaufkraftvergleiche
Um dem Leser eine Vorstellung davon zu geben, wie hoch die Vergütungen
in der folgenden Taxe der Barbiere und Zahnärzte im Vergleich mit
heute waren, wurde der Empfehlung von Waschinski 40) gefolgt, welcher schrieb:
"Die Preise für Hühnereier sind für die Berechnung der Kaufkraft
deswegen so wertvoll, weil die Eier des gewöhnlichen Landhuhnes von
früher und heute sich im Gewicht kaum geändert haben." Eine Stiege
(20 Stück) mittelgroßer Hühnereier kostet heute auf dem
Schleswiger Wochenmarkt ca. 5,20 DM. Von 1819 bis 1838 kostete eine Stiege
Hühnereier ca. 6 Schillinge Schleswig-Holsteinisch Kurant. 42) 1 Reichsbanktaler
enthielt 96 Reichsbankschillinge bzw. 30 Schillinge Schleswig-Holsteinisch
Kurant. 43) 18 Somit kommen wir auf eine Kaufkraft von 26,00 DM für
einen Reichsbanktaler und 0,271 DM. für einen Reichsbankschilling.
Ein Haarschnitt kostete 26 Reichsbankschillinge (Taxe Nr.11 der Barbiere),
was ca. 7,05 DM entspricht. Dafür bekam man sicherlich keinen kunstvollen
Façon-Schnitt. Die Extraktion eines Zahnes (Taxe Nr.3 der Zahnärzte)
kostete 51 Reichsbankschillinge, was heute 13,82 DM wäre. Für
die Extraktion eines Zahnes bei einem AOK-Patienten erhielt ein Zahnarzt
1994 (ohne Betäubung) zwischen 13,53 DM (einwurzeliger Zahn) und 20,30
DM (mehrwurzeliger Zahn). Stürzbecher 41) errechnete, "daß die
Honorare für ärztliche Leistungen aus dem Verdienst der ... Dienstboten
nicht zu bezahlen waren. Wenn wir uns diese Tatsachen vor Augen halten,
dann wird es verständlich, daß in vielen Fällen die ärztliche
Hilfe nicht in Anspruch genommen wurde."
Taxe der Barbiere von 1820
Am 25. Mai 1804 erließ der dänische König das "276.
Patent wegen Errichtung eines Sanitätscollegiums". 44) Diese Institution
wurde mit hervorragenden Medizinern besetzt. Am 1.12.1820 erging vom Sanitäts=Collegium
in Kiel die Gebührenordnung für alle medizinischen Berufe. 45)
Im Folgenden wird die Taxe der Barbiere abgedruckt. Sie zeigt sehr schön
das Behandlungsspektrum dieses einstmals so wichtigen Berufes. Das Zähneziehen
ist darin nicht aufgeführt, steht aber in der nachfolgenden Taxe für
Zahnärzte. Da die Barbiere auch zum Zähneziehen berechtigt waren,
konnten sie auf die Taxe der Zahnärzte zurückgreifen. "Rbth."
bedeutet Reichsbankthaler "ß" bedeutet Reichsbankschilling 1 Rbth.
enthielt 96 ß
III. Geschäfte des Wundarztes. (vom 1.12.1820)
A. Kleinere Geschäfte, welche gewöhnlich den Barbieren überlassen werden.
1. Für Aderlassen an leichten gewöhnlichen Stellen
(am Arme oder Fusse) im Hause des Kranken 38 ß bis 51 ß im
Hause des Barbiers 26 ß Für jeden wiederholten Verband 13 ß
2. Für Schröpfen für den Kopf a. blutige 6 ß
b. trockene 6 ß
3. Für Ansetzen von Blutigeln, für jeden 6 ß
4. Für Ansetzen derselben am After, den Schaamtheilen,
übelriechenden Geschwüren u. dgl., für jeden 13 ß
5. Liefert er die Blutigel, die er setzt, für das Stück
13 ß
6. Für ein Klystier ohne Lieferung der Zuthaten 26 ß
7. Für ein Tobackrauchs Klystier 77 ß
8. Für Stuhlzäpfchen 19 ß 19
9. Für Anlegen eines Blasenpflasters, Senfpflasters, des
Seidelbastes u. dgl. ohne Materie 13 ß
10. Für jedesmalige Verbinden 13 ß
11. Für Abscheerung der Haare am Kopfe 26 ß
12. Für Ausziehen der Haare beim Grinde des Kopfes nach Anweisung
eines Arztes 1Rbth. 58 ß bis 3 Rbth.
13. Für jedesmaliges Verbinden einer Fontanelle 13 ß
14. Für Anlegung eines gewöhnlichen Aezmittels, als lapis
infern: und caustic: 26 ß
15. Für den Beistand bei einem Bade 26 ß
16. Frictionen. Einreibung von Salben und Balsam u. dgl., nach der
Länge der nöthigen Zeit 13 ß
17. Fomentationen, ohne die Materie, z. B. bei Kopf= Verletzungen,
eingeklemmten Brüchen, des Tages 77 ß des Nachts 1Rbth. 6ß
18. Für Schneiden der Hühneraugen, a Stück 26 ß
19. Für Nägelschneiden, fehlerhafter und angewachsener am
Fuße 26 ß
20. Für das Nachtwachen in einem ihm vom Arzte aufgetragenen Geschäfte
77 ß bis 1Rbth 6 ß
21. Für Hülfsleistungen bei einer Operation nach Verhältniß
der Beschwerde und des Zeitaufwandes 51 ß bis 2 Rbth.
Erklärungen zu den alten Fachausdrücken:
Eine "trockene Schröpfung" ist heute bekannter unter dem Namen
"Knutschfleck". "Blutig" ist sie dann, wenn die Haut vorher verletzt wird.
Der Schröpfkopf sah aus wie ein Cognacschwenker aus Glas oder Metall,
nur ohne Stiel und Fuß. Nachdem man in ihm Spiritus abgefackelt hatte,
wurde er auf die Haut aufgesetzt und erzeugte so beim Abkühlen einen
Unterdruck. Zu sehen ist dieses Verfahren in Roman Polanskis Film "Tanz
der Vampire", wo der Schüler seinem Professor mehrere dieser Schröpfköpfe
auf den Rücken setzte.
"Blutigel" war die damalige Bezeichnung für Blutegel. Man beachte
besonders das "Ansetzen von Blutigeln am After und den Schaamtheilen" !
Sehr delikat muß auch das "Klystier vom Tobacksrauche" gewesen
sein. Der Ausdruck "jemanden einen blasen" offenbart wohl hier seine ursprüngliche
Bedeutung. Diese Therapie wurde eingesetzt, um Scheintote, wie zum Beispiel
Ertrunkene, wieder zum Leben zu erwecken. 46)
"Fomentationen" hießen auch "Bähungen" und waren Umschläge.(sie
Kapitel "Rezepte"!)
Bei den "eingeklemmten Brüchen" in Position 17 handelte es sich
um Leistenbrüche.
Bei Knochenbrüchen waren die Barbiere "zur ersten Hülfeleistung
in Nothfällen befugt, bis ein zur Praxis berechtigter Chirurgus herbeygeholt
werden kann" . 49)
Die große Nähe zu den Badern drückt sich in der Position
15 aus: "Für den Beistand bei einem Bade".
Um die uns heute so fremden Therapieformen zu verstehen, muß
man wissen, daß die Medizin früher eine andere Vorstellung von
der Entstehung von Krankheiten hatte. Seit dem Altertum glaubte man, daß
ein Ungleichgewicht der vier Körpersäfte Blut (sanguis), Schleim
(phlegma), gelbe Galle (chol-), schwarze Galle (melancholie) Krankheiten
hervorrufen würde. Wollte man einen Patienten heilen, so mußte
man überschüssige Säfte entfernen. Dies geschah beispielsweise
durch Aderlaß, Schwitzen, harn- und stuhlgangregulierende Mittel.
Wollten die Barbiere Medikamente verordnen, so durften sie diese nur äußerlich
mit einem Pflaster aufbringen wie alle Chirurgen. Umgekehrt durften die
Ärzte Medikamente nur innerlich verordnen. 20
In hohem Ansehen stand Anfang des 19. Jahrhunderts noch das Setzen
einer Fontanelle . Dies geschah folgendermaßen: Nehmen wir einmal
an, die Patientin hatte Migräne. Dann wurde ihr an der Stelle, wo
die Schädelknochen beim Säugling noch nicht zusammengewachsen
sind, also an der Fontanelle, ein kleines Feld Haare abrasiert. Darauf
wurde ein "gewöhnliches Aezmittel : lapis infern oder caustic" (Höllenstein
oder Arsenoxyd, 50) gelegt, das ein Geschwür erzeugte. Um das Geschwür
offen zu halten, wurde eine Erbse aufgelegt und neu verbunden. Durch diese
Therapie sollten die schlechten Körpersäfte, die die den Kopfschmerz
erzeugten, als Eiter aus der Wunde "abgeleitet" werden. 19,51)
Die Barbiere waren immer Männer. Da sich damals wie heute nicht
jede Frau von einem Mann in ihrem Intimbereich behandeln lassen wollte,
erging am 15.6.1850 in Preußen ein Circular, das die Hebammen zur
kleinen Chirurgie beim weiblichen Geschlecht befugte. 52)
Taxe der Zahnärzte von 1820
Am 28.10.1835 erschien im "Intelligenzblatt" in Schleswig folgende
Anzeige: "Bekanntmachung. Das Schleswig-Holsteinische Sanitätskollegium
findet sich durch mehrere Rücksichten veranlaßt, die Taxe für
die Bemühungen der Herren Zahnärzte, welche einen Theil der allgemeinen,
durch das Patent vom 1. Dez. 1820 in Kraft getretenen Taxe für ärztliche
und wundärztliche Bemühungen ausmacht, hiedurch zur allgemeinen
Kenntnis des Publikums zu bringen, damit dasselbe dadurch in den Stand
gesetzt werde, nach dieser Norm die von den Herren Zahnärzten für
ihre Bemühungen gemachten Forderungen zu würdigen und zu honoriren."
Nun war diese Taxe bereits am 1.12.1820 vom Sanitätskollegium erlassen
worden. Da stellt sich die Frage, warum sie hier erst jetzt veröffentlicht
wurde. Der erste Hinweis findet sich in der Formulierung "durch mehrere
Rücksichten veranlaßt". Auf wen nahm das Sanitätskollegium
Rücksicht? Wer hatte ein Interesse daran, daß diese Taxe in
Schleswig veröffentlicht wurde? Blättert man im Intelligenzblatt
ein Jahr zurück, so findet man am 26.11.1834 die Praxiseröffnungsanzeige
des ersten niedergelassenen Zahnarztes von Schleswig: Johann Christian
Friedrich Besser. Da sich das Sanitätscollegium aber "durch mehrere
Rücksichten veranlaßt" sah, müssen also noch mehr Zahnärzte
in Kiel vorstellig geworden sein. In Frage kamen David, J.A.Jacoby und
Schlichting, denn sie waren die reisenden Zahnärzte, die sowohl vor
als auch nach dem 28.10.1835 Schleswig aufsuchten. Nach den einleitenden
Worten des Sanitätskollegiums folgte die Taxe der Zahnärzte.
Weitere Erklärungen zu den alten Fachausdrücken folgen am Ende
der Taxe.
1) Für bloße Besuche. Diese werden bei vorgenommenen
Operationen nicht besonders vergütet, und nach der Operation nur dann,
wenn besondere Umstände sie nöthig machen oder der Kranke sie
ausdrücklich verlangt: 38ß
2) Für das Ausziehen eines Zahns im Hause des Kranken:
1Rbth.6ß
3) Für das Ausziehen eines Zahns im Hause des Zahnarztes:
51ß 21
4) Für das Ausziehen von Stiften oder Wurzeln, für
jeden: 38ß
5) Für das Reinigen der Zähne von Weinstein: 38ß
bis 2Rbt
6) Für das Ausbrennen eines Zahns: 38ß
7) Für das Ausfüllen eines Zahns. Das dazu genommene
Gold wird besonders vergütet: 51ß
8) Für das Abfeilen eines scharfen oder kariösen Zahns:
26ß
9) Für Skarifizieren des Zahnfleisches: 64ß
10) Für das Anbohren einer Wurzel, um künstliche Zähne
zu befestigen: 51ß
11) Dasselbe nach vorheriger Abfeilung eines Zahns: 1Rbth.6ß
12) Für die Verfertigung und Einsetzung eines künstlichen
Zahns. Das zu den etwaigen Goldstiften Nöthige wird besonders vergütet.
1Rbth. 58ß bis 3Rbth. 19ß
13) Für mehrere Zähne in einem Stück, mit Inbegriff
der Befestigung für jeden 2Rbth.
14) Für die abermalige Befestigung eines künstlichen Zahns,
der wieder losgegangen. Ist ein neues Anbohren nöthig, so wird dieses
besonders bezahlt. 51ß
15) Für bloße Befestigung eines losen Zahns: 51ß C.R.W.
Wiedemann
Es gab auch einige Gebührenziffern für die zahnärztliche
Chirurgie in der Taxe für die geprüften Wundärzte 45):
Für die Operation der Zahnfleischauswüchse: 1 Rbth 58 ß
Für einen einfachen Bruch des Unterkiefers: 4 Rbth 77ß
Für die Operation der Zahnfistel 0 Rbth 51ß
Für das Scarifizieren des Gaumens 0 Rbth 77
Verpflanzung eines Zahnes 3 Rbth 19 ß
Für den Autor erscheint die Taxe der Zahnärzte im Gegensatz
zur Taxe der Barbiere sehr modern, d.h. sie enthielt keine Therapien, von
denen wir heute sagen würden, sie seien überholt. Die "Berliner
zahnärztliche Gesellschaft" sah ihre alte Gebührenordnung mit
anderen Augen, schrieb sie doch 1874 53):
"Die Taxe für zahnärztliche Leistungen passt auf unsere heutigen
Verhältnisse in keiner Weise mehr. Die Anforderungen, welche an den
Zahnarzt gestellt werden, sind ganz andere geworden, die in der alten Taxe
verzeichneten Operationen, welche durch andere und bessere verdrängt
sind, kennen wir zum Theil nur noch dem Namen nach. Es sind in der alten
Taxe Honorare verzeichnet für Operationen, welche nicht mehr gemacht
werden, während die neuen Operationsmethoden noch gar keine Beachtung
in dieser Beziehung gefunden haben. Wir sind nun bestrebt, die Taxe den
heutigen Anforderungen und Leistungen anzupassen und das Honorar demgemäß
grösstentheils höher zu normiren. Wir werden im Anschluß
an die ärztlichen Gesellschaften in dieser wichtigen Angelegenheit
vorgehen. Die Bezahlung der approbirten Aerzte u.s.w. bleibt, nach §
80 der Gewerbeordnung, der Vereinbarung überlassen; hat eine solche
nicht stattgefunden, so kommen folgende Sätze zur Geltung:" Nach diesen
Worten wurde eine eigene Gebührenordnung vorgestellt, die anscheinend
von der preußischen Regierung nicht übernommen wurde, denn im
gleichen Jahr veröffentlichte Eulenberg 54) eine andere Gebührenordnung.
Parallelen zur Art der Verabschiedung der Gebührenordnung für
Zahnärzte (GOZ) im Jahre 1989 sind offensichtlich.
Erklärungen zu den alten Fachausdrücken 55, 56):
- "Weinstein" war die alte und aus heutiger Sicht falsche Bezeichnung
für Zahnstein.
- Das "Ausbrennen" eines Zahnes muß man sich so vorstellen: Die
Zahnpulpa - "der Nerv" - wurde mit einer heißen Sonde behandelt.
- Das "Abfeilen" eines Zahnes diente dazu, kariöse Stellen des
Zahnes zu entfernen, um die Karies nicht weiter wachsen zu lassen. Dabei
entstanden natürlich mit der Zeit unschöne Lücken zwischen
den Zähnen, welche man vermied, wenn man nur von der Hinterseite feilte.
55) Dieser Zustand war aber insbesondere für die Kaufunktion nicht
befriedigend, weshalb man dazu überging, die gefeilten Zähne
zu füllen.
- "Skarifizieren" heißt auf auf deutsch "schröpfen". Unter
"Skarifizieren des Zahnfleisches" muß man sich die Eröffnung
eines Abszesses vorstellen.
- Wie der Hausbesuch eines reisenden Zahnarztes eingeleitet wurde,
zeigt die Anzeige von Jahn Jacoby am 17.6.1830 F:
"Hiedurch beehre ich mich ein geehrtes Publikum zu benachrichtigen,
daß ich Ende dieser Woche von hier in Friedrichstadt einzutreffen
gedenke, und empfehle mich zur Hülfleistung in allen Zahnkrankheiten
und zum Einsetzen künstlicher Zähne, und ersuche die geehrten
Herrschaften, welche mich zu sprechen wünschen, ihre Adressen bei
dem Herrn Gastwirt Windahl gefälligst einzusenden."
Die Zahnärzte und übrigens auch die Ärzte kannten im
19. Jahrhundert noch keine Karteikarte. Es war damals üblich, sogenannte
"Contobücher" zu führen, die genauso aussahen wie die Geschäftsbücher
eines Kaufmanns. 57, 58)
Krankenkassen
Nachdem die "Kaiserliche Botschaft" von Wilhelm I. am 17.11.1881 ergangen
war, wurden überall im Deutschen Reich Krankenkassen gegründet.
Am 24.11.1884 rief der Magistrat der Stadt Schleswig die erste Generalversammlung
für die Ortskrankenkasse II der Stadt Schleswig und für den 26.11.1884
die erste Generalversammlung für die Ortskrankenkasse I der Stadt
Schleswig ein. 59) Auch Kappeln 60) und Friedrichstadt bildeten Ortskrankenkassen.
Doch war die Zeit vor der Kaiserlichen Botschaft keineswegs eine krankenkassenlose
Zeit, wie die Veröffentlichung des "Ortsstatuts für die Stadt
Friedrichstadt betreffend gewerbliche Hülfskassen" vom 16.8.1878 beweist.
Der Vertrag eines Arztes mit einer Krankenkasse wurde veröffentlicht,
wie es z.B. die Ortskrankenkasse zu Friedrichstadt am 27.10.1885 tat :
"Als Kassenarzt fungiert zur Zeit Herr Dr.Dethlefsen. Der Vorstand." Die
ersten Erfahrungen mit den Krankassen in Schleswig Holstein schilderte
1889 der Zahnarzt Kleinmann in Flensburg 61):
"Schon seit Jahren hat die hiesige Schiffsbaugesellschaft ihren "Kassenzahnarzt".,
d.h. jedem Arbeiter steht es frei, bei dem betreffenden Zahnarzt zu abonniren,
und zahlt derselbe für sich und die Familie pro Jahr 50 Pfennige.
Künstliche Zähne liefert dieser Kassenzahnarzt für die Hälfte
des gewöhnlichen Preises. Das Verhältnis mit den Ortskrankenkassen
ist bei uns noch nicht geregelt. Der Bezirksvertreter stellt für das
Mitglied der Ortskrankenkasse einen Schein aus, womit es zu einem beliebigen
Arzt resp. Zahnarzt gehen kann. Die Honorarrechnung wird halbjährlich
oder jährlich ausgeglichen." 23 Für das 19. Jahrhundert wurde
kein Vertrag zwischen einer Krankenkasse und einem Zahnarzt des Kreises
Schleswig gefunden. Erst für das Jahr 1904 konnten Krankenkassen-Gebührensätze
für Zahnärzte ermittelt werden 62):
"Vergütungssätze der Krankenkasse für Handelsangestellte
in Barmen, e.H. für zahnärztliche Behandlung. Gültig ab
1. Oktober 1904.
- Zahn ziehen (erster Zahn) Mk. 1.oo für jeden weiteren Zahn in
derselben Sitzung Mk.- .5o
- Nervtöten Mk. - .70
- Zähne reinigen Mk. 1.50
- Plombieren eines Zahnes Mk. 1.70 für jeden weiteren Zahn in
derselben Sitzung Mk. 1.20 Für jede weitere Plombe in derselben Sitzung
falls drei Plomben oder mehr notwendig sind, darf die Behandlung nur aufgrund
eines von der Kasse beglaubigten ärztlichen Attestes erfolgen. Gleichgültig
ist dabei, ob die drei oder mehr Plomben in einer Sitzung oder aber im
Laufe eines Jahres als notwendig erachtet werden.
- Künstliche Zähne und Gebisse. Wir gewähren Beihülfen
nur nach Beibringung eines ärztlichen Attestes mit gleichzeitigem
Kostenanschlag. Die Höhe der Beihülfen wird bei der Genehmigung,
ohne welche die Behandlung nicht erfolgen darf, auf dem Atteste vermerkt.
Krankenkasse für Handelsangestellte in Barmen e.H. i.A. Ernst
Zesper Vorsitzender Barmen, 27. September 1904."
Kosten einer Praxis
Für die Kosten einer Zahnarztpraxis konnten folgende Quellen gefunden
werden: Anzeige 1889 S 63):
"Für Zahntechniker Eine Praxis (alleinige), Einnahme 17-1900 M,
ist nebst Wohnung zum Herbst oder später preiswürdig zu kaufen.
Anzahlung 2000 M. Fr. Offerten sub B. bef. d. Exp. d. Blts." Dazu passen
gut die Investitionskosten einer zahnärztlichen Abteilung beim Militär,
die um die Jahrhundertwende ca. 1.500 bis 2.000 M bei einem Sprechzimmer
betrugen. An jährlichen Betriebsmitteln waren ca. 1.200 M. erforderlich.
64) In der Zahntechnischen Reform wurden 1885 "Zahnkünstler-Geschäfte"
mit folgenden Merkmalen zum Kauf angeboten: Alter 2-5 Jahre, Jahresumsatz
zwischen 2.000 M 24 und 15.000 M, Jahresmiete 120 - 750 M, Lage der Praxis
meist im 1.Stock, Anzahl der Räume: 2-8, Preise zwischen 300 M und
15.000 M. Behandlungsstühle kosteten 1892 je nach Ausführung
zwischen 200 M und 825 M. Eine Seitenradtretbohrmaschine wie auf dem Titelblatt
zu sehen, kostete 1912 je nach Ausführung zwischen 63,50 M und 105
M. 65) Die Extraktion eines Zahnes wurde 1904 von der Krankenkasse für
Handelsangestellte in Barmen e.H. mit 1 M erstattet. 62) Nimmt man als
Vergleich die Extraktion eines Zahnes, die heute ohne Betäubung zwischen
13,53 DM und 20,30 DM - Mittelwert 16,81 DM kostet 66), so kommt man bei
heutigen Einrichtungspreisen von ca. 300.000 DM für eine neue Praxis
mit einem Sprechzimmer auf ein Verhältnis von knapp 18.000 Extraktionen
pro Investitionssumme. Um die Jahrhundertwende lag dieses Verhältnis
zwischen 2.000 M und 15.000 M Extraktionen pro Investitionssumme. 1899
verdiente ein Fabrikarbeiter je nach Tätigkeit zwischen 20 M und 36
M innerhalb der 6-Tagewoche. 67)
Verdienst
Das Einkommen der Schleswiger Zahnärzte konnte nur indirekt durch
Vergleich mit anderen Berufen ermittelt werden. Als Vergleich wurden die
wöchentlichen Einzahlungen in die Armenkassen genommen. Jeder steuerzahlende
Bürger mußte auch wöchentlich Geld in eine der Armenkassen
einzahlen, wovon nur die Ärzte befreit waren, die aber im Gegenzug
ihre armen Patienten umsonst behandeln mußten. 68) Die Ein- und Auszahlungen
wurden im Schleswiger Intelligenzblatt veröffentlicht. 69) Wenn man
davon ausgeht, daß die meisten Bürger zwischen 1/2 und 10 Schillinge
einzahlten, dann muß man feststellen, daß die ersten Schleswiger
Zahnärzte nicht auf Rosen gebettet waren.
Einzahlungen in die Armenkasse der Altstadt von Schleswig 1840
Bäcker
Friedrichsen 6ß
Brodersen 3ß
Schnittger 6ß
Schundt 1ß
Schnohr 3ß
Chirurgen
Müller 1ß
Kehrmeyer 8ß
Jacobsen 1ß
Schaubye 1ß
Stuhr 3ß
Zahnärzte
Diercks, 3Q. 2ß
Besser, 4.Q. 2ß
Neupert 2ß (1841 bis 1849)
Preise für künstliche Zähne
Mit billigen Preisen zu werben, war seit 1817 (Levy) üblich. Diesem
Vorbild folgten Wolff (1819 ), Jacoby (1824 ), Diercks (1845 ) und Bufleb
(1874). Konkrete Preise erfuhren die Schleswiger Patienten zum ersten Male
am 5.2.1865 S durch den Zahnarzt Neupert, der für seine Gebisse "-a
Zahn nach Maasnahme der mehr oder weniger obwaltenden Schwierigkeiten "prima
Qualität circa 5 (Mark) Crt." verlangte. Stein (1869): " pr. Zahn
Pr. Crt. 2.". Eyrich (1878): "für künstliche Zähne und Gebisse
a Zahn 3 Mark". Gang (1894): "für künstliche Zähne und ganze
Gebisse pro Zahn von 2 bis 10 Mk." Martiens bot am 5.10.1894 sogar an,
"Für Minderbemittelte die Preise für künstliche Zähne
und Gebisse auf 2 Mk. per Zahn reduciren". Bätjer bot 1895 die Umarbeitung
schlechtsitzender Gebisse für 1 M 50 Pfg und Zähne für Gebisse
"von 3 M" an.
Zahnbehandlung bis 1823
Im folgenden soll das Schicksal eines Schneidezahnes, der von Karies
befallen ist und zahnärztlicher Behandlung unterzogen wurde, beispielhaft
beschrieben werden, wobei die technischen Möglichkeiten der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts anhand der Literatur zugrunde gelegt werden.
70, 71, 72, 73) Angenommen, ein Patient störte sich an einer scharfen
Stelle hinter einem oberen Schneidezahn. Der Zahnarzt diagnostizierte Karies
und feilte diese aus. (Die Tretbohrmaschine auf dem Titelblatt wurde erst
1871 erfunden und die elektrische Bohrmaschine gibt es seit ca.1883) Er
legte Goldfolien ein und hämmert sie fest. Nach ein paar Jahren kommt
der Patient wieder und klagt über Schmerzen an diesem Zahn. Der Zahnarzt
entfernt die alte Goldklopffüllung und entfernt die neu entstandene
Karies, wobei er die Pulpa (den Nerv) eröffnet. Er hält eine
fast glühende Sonde bis dicht an die Pulpa, verschließt sie
provisorisch mit Guttapercha und wiederholt dieses Ausbrennen noch einige
Male, bis der Zahn schmerzfrei ist. Dann wird der Zahn wieder mit Gold
zugestopft. Nach einigen Jahren kommt der Patient mit einer dicken Lippe
wieder. Der Zahnarzt skarifiziert (sticht auf) das Zahnfleisch über
der Schwellung, so daß der Eiter abfließen kann. Da große
Teile des Zahnes bereits von Karies ausgehöhlt und abgebrochen sind,
schlägt er dem Patienten die Anfertigung einer Stiftkrone vor. Er
feilt den restlichen Zahnstumpf bis auf Zahnfleischniveau ab und erweitert
den Wurzelkanal. In einen konfektionierten Porzellanzahn, den es damals
schon zu kaufen gab, befestigt er einen Goldstift, den er wiederum in den
Wurzelkanal zementierte. Der Eiter, der sich an der Wurzelspitze immer
wieder bildete, konnte problemlos durch die Fistel im Zahnfleisch ablaufen.
Nach einem Jahr kommt der Patient mit der Stiftkrone in der Hand wieder
und bittet um neuerliche Befestigung. Entweder fertigte der Zahnarzt einen
neuen und dickeren Goldstift an, oder er paßte einen Hickory-Holzstift
sowohl dem Porzellanzahn als auch dem Wurzelkanal an. Dieser ist hart und
hält durch Quellung. Auch konnte sich der Patient selbst helfen, indem
er bei Bedarf sich selbst einen neuen Stift anfertigte. Irgendwann konnte
auch der dickste Holzstift die Krone 26 nicht mehr halten. Dann wurden
an den Porzellanzahn einige Goldklammern befestigt, die um die beiden Nachbarzähne
gelegt wurden. Der zerstörte Wurzelrest wurde belassen, da er kaum
Schmerzen verursachte. Ging ein Nachbarzahn verloren, so wurde der Porzellanzahn
um einen weiteren Porzellanzahn erweitert. Dies geschah durch Lötung
an dem fabrikmäßig angebrachten Platinstift an seiner Rückseite.
Moresco war der erste Zahnarzt, der die Einarbeitung dieser künstlichen
Zähne "dents metalique" am 19.11.1823 S anbot. Große Probleme
bereitete es, bei herausnehmbarem Zahnersatz die Basis (künstliches
Zahnfleisch) anzufertigen. Viele Nilpferde mußten dafür ihr
Leben und ihre Zähne lassen, welche zurechtgefeilt wurden und als
Basis für die "dents metalique" dienten.
Behandlung ohne Betäubung
Wie mußte man sich damals eine Behandlung beim Barbier oder Zahnarzt
vorstellen? Dazu hier die "Erinnerungen eines alten Kapplers" , Hier Bild
2 der vermutlich bei dem Barbier Carl Franke jr. (1891-1899 in Kappeln
nachgewiesen) in Behandlung war.74)
"Für "Zahnbehandlung" kam nur der Barbier Frank in der Mittelstraße
in Frage. Mehrfach mußte ich einer "Operation" unterzogen werden.
Das ging so: Ich mußte auf dem Fußboden niederknieen, Frank
nahm meinen Kopf zwischen die Beine 47), und dann kam der Zahn bestimmt
heraus. Er verstand sein Handwerk aus dem FF. Bei mir schob er immer ein
Stück Hartgummi zwischen die Zähne mit den Worten: "Bi di möt
man vörsichtig sien, du bist een Bieter". Ich hatte ihn bei der ersten
Behandlung im entscheidenden Moment, als der defekte Backenzahn durch seitliches
Hin- und Herzerren schon so halb gelöst war, mächtig in den Finger
gebissen. Das hat er mir nie vergessen, daher die Sonderbehandlung mit
dem Gummipfropfen. Es geschah auch, daß der "Patient" durch den Schmerz
betäubt wurde, dann hörte das Brüllen auf und Frank hatte
leichtes Arbeiten. Zufriedengestellt wurde jeder Kunde, und jeder verabschiedete
sich nach dieser - nach heutigen Begriffen - Pferdekur mit dankbarem Händedruck."
Wie Zahnentfernungen ohne Betäubung damals auch abliefen, schilderte
sehr eindringlich der nach Amerika ausgewanderte deutsche Zahnarzt Leonard
Koeckers 1828. 75) Er war kein Zahnarzt im Kreis Schleswig!
"Etwa vor 15 Jahren war ich Zeuge, wie eine Lady von einem berühmten
Zahnarzt, der in einer Stadt von 50.000 Einwohnern sich grossen Ruf rücksichtlich
seiner Kenntnis und Geschicklichkeit im Ausziehen der Zähne erworben
hatte, auf eine bedauernswerte Weise gepeinigt und im ganzen Zimmer herumgeschleppt
wurde. Ich war zugegen, als er sich des Geissfusses 78 )bediente, um damit
den zweiten großen Backzahn aus dem rechten Unterkiefer herauszuziehen.
Nachdem er die arme Lady länger als 15 Minuten so gepeinigt hatte,
dass die Anwesenden ihr Leiden nicht mehr mit ansehen konnten, gelang es
ihm endlich, durch eine gewaltsame An-
Bild 3: Geißfuss 1890
strengung den Zahn herauszubrechen, bei welcher Operation er der Lady
einen so heftigen Stoß auf die Wange versetzte, dass ihr Gesicht
länger als 14 Tage die entstellenden Spuren davon zeigte." Koeckers
entwickelte bessere Zahnentfernungsinstrumente (als den Geissfuß)
und gab auch Ratschläge für eine optimale Zahnentfernung (ohne
Anästhesie!): "Hat sich der Patient zur Operation entschlossen, so
muss der vorsichtige Chirurg jedes Ereignis, das die Operation aufhalten
oder unterbrechen könnte, vorherzusehen und zu verhüten suchen.
Hat der Chirurg einmal irgend eine Operation begonnen, so darf das Fortschreiten
derselben keineswegs der Einmischung des Patienten oder seiner Freunde
unterworfen seyn; denn da sie sich einmal dazu entschlossen haben, so muss
sich auch der Patient die Vollziehung gefallen lassen und muss, im Fall
es nöthig seyn sollte, von jeder willkührlichen Hinderung oder
der Ausübung irgend eines Widerstandes durch manuellen oder mechanischen
Beistand abgehalten werden."
Dazu Strömgren:
"Diese schlichten Worte eröffnen weite Ausblicke. Es war ja üblich,
dass der Patient von teilnehmenden Freunden zu dem Schauplatz seiner Leiden
begleitet wurde. In dem vorher geschilderten Falle konnten "die Freunde
der Lady den Anblick ihrer Leiden nicht mehr mit ansehen", sondern haben
sich wahrscheinlich unter Tränen entfernt. In anderen Fällen
scheint ihre Teilnahme zu Handgreiflichkeiten geführt zu haben. Eine
etwas schwierige Lage für den Zahnarzt, wenn er auch mit den sonstigen
Anwesenden um den Zahn kämpfen soll!" Wie die medikamentöse Therapie
der Zahnschmerzen vor sich gehen konnte, schilderte Menge: 76) "Zahnschmerzen
wurden zunächst durch unvermutet erteilte Ohrfeigen abgeleitet. War
der Zahn sehr hohl, so wurde Watte in `Fixfeuerzeug´ gestippt, d.
i. in die Schwefelsäure-Auflösung der früher gebräuchlichen
`Stippfeuerzeuge´, und solche Watte in den hohlen Zahn befördert.
Der Patient fing alsbald an, wie toll zu tanzen und sank nach einigen Sekunden
`vor dodig´= wie todt zu Boden. Der Zahnschmerz war jedoch endgültig
gebrochen."
Üblich war auch das "Abzwicken" der natürlichen Zahnkronen
mit anschließendem Einfügen der Kautschukprothese unter Belassung
der Zahnwurzeln. Dafür gab es sogenannte "Zwickzangen" 77), die nichts
anderes als "Kneifzangen" waren. Hierdurch gaben Jacobsen (ab 1878 S),
H.Bauer (1892 K) und C.Schnittger (1896 S) ihren Patienten eine Alternative
zur schmerzhaften Zahnoperation bzw. zur teuren Betäubung.
Behandlung mit Betäubung
Der größte Wunsch der zahnärztlichen Patienten war
wohl die schmerzlose Zahnextraktion. Der amerikanische Zahnarzt Horace
Wells war 1844 der Erfinder der Lachgasnarkose. 79) Verglichen mit der
Einführung der Kautschukprothese dauerte es noch lange, bis die erste
schmerzlose Zahnxtraktion 1890 im Kreis Schleswig angeboten wurde. Als
Ersatz dafür wurde den Patienten eine Extraktion offeriert, welche
"mit größter Leichtigkeit" vor sich gehen sollte (Levy 1817,
Wolff 1819 und Mendelson 1837). Dieses Versprechen war sehr gewagt, denn
auch heute verlaufen viele Zahnoperationen trotz Betäubung und modernster
Geräte keineswegs leicht. Vorsichtiger waren da schon Rheinwald (1833),
Jasper (1865) und Vollmer (1884), die nur versprachen, schmerzlos künstliche
Zähne einzusetzen, was damals und heute kein großes Kunststück
war. Rätsel gibt die Anzeige von Henry Lich vom 19.7.1879 S auf, der
"Operationen bed. schmerzlos" anbot, weil nicht klar ist, was "bed." bedeutet.
Der erste, der in Anzeigen "schmerzlose Zahnoperation" anbot, war am 18.11.1890
in Friedrichstadt der Hamburger Zahntechniker Christian Schmelzkopf. Am
22.12.1892 ließ sich der Zahntechniker und Operateur Bauer in Süderbrarup
nieder. Er bot im Kappelner Schleiboten u.a. an: "Zahnoperation schmerzlos
mittelst Cocain oder Lachgas und Electricität. Narcosen finden nur
statt unter ärztlicher Assistenz." Ein Jahr später bot er "Pentalnarkose"
an. Am 20.5.1894 S offerierte der Barbier Joh. Gang " Zahnextractionen
schmerzlos (locale Anästhesie) mittelst Electricität u.s.w.".
Der Schleswiger Carl Schnittger und seine Frau Emma Schnittger boten seit
1895 "schmerzlose Zahnoperationen durch Anwendung der localen Anästhesie"
an. Es ist wohl davon auszugehen, daß der Zahnarzt Julius Doll (seit
1893 in Schleswig) auch schmerzlos operierte, dies aber nicht extra anpries.
Die Lokalanästhesie wurde übrigens damals mit "Kokain" durchgeführt,
was zu Rauschzuständen bei den Patienten führte. Bolten (Schleswiger
Assistent von Doll) schilderte 1899 seine Erfahrungen mit dem Anästhetikum
Nirvanin, wobei er angab, daß "man ... dasselbe mit jedem Anästheticum
vornehmen könne, z.B. mit 1 proz. Cocainlösung." 80) Die elektrische
Anästhesie hat sich nie durchsetzen können, da sie auf dem Ablenkungsprinzip
beruht. Die Inhalation von betäubenden Gasen (z.B. Lachgas) war zwar
sehr beliebt, erlaubte aber nur kurze Operationen, da der Mund entweder
zum Inhalieren oder zum Arbeiten gebraucht wurde. Läßt man den
Patienten durch die Nase inhalieren, so atmet er das Lachgas auch durch
den Mund aus, was wiederum den Zahnarzt in einen Rausch versetzt. Als Behälter
für das Gas dienten 1880 Gasometer, die in den Praxisräumen aufgestellt
wurden, wie auf dem folgenden Bild zu sehen ist.
Bild 4: Gasometer 1890
Kautschukprothesen
Heinrich Philippsen und E.Petersen schrieben in ihrem Buch "Künstler
und Kunsthandwerker der Stadt Schleswig aus den letzten drei Jahrhunderten.",
daß der Zahnarzt Friedrich Neupert der erste war, der in Schleswig
den künstlichen Zahnersatz einführte. Dieser Aussage muß
widersprochen werden, was durch die drei folgenden Anzeigen belegt wird:
Im "Schleswigschen Wochenblatt zur Unterhaltung und Aufklärung" vom
27.5.1789 ist auf Seite 176 folgende Anzeige zu finden: "Der in der Königl.
Churfürstl. Residenzstadt Hannover examinirte und privilegirte 30
Operateur Lehmann empfiehlet sich einem geehrten Publicum in Ausnehmen,
Reinigen und Einsezzen der Zähne...". Bei diesen künstlichen
Zähnen handelte es sich höchstwahrscheinlich um zurechtgeschnitzte
Tierknochen bzw. Tierzähne, die mit Gold- oder Silberdraht befestigt
wurden. Am 18.11. 1863 veröffentlichte der Schleswiger Zahnarzt Diercks
folgende Anzeige: "Die jetzt überall so sehr beliebte Art und Weise
künstliche Zähne in Kautschuk einzufassen, unterlasse ich nicht,
einem geehrten Publikum angelegentlich zu empfehlen. Wenn bisher nur die
edlen Metalle (Gold oder Platina) angewandt werden durften, so werden diese
theuren Metalle durch Anwendung des Kautschuks nicht allein gänzlich
entbehrlich gemacht, sondern alle Zahnpiecen sind leichter zu tragen und,
was die Hauptsache ist, viel rascher und billiger herzustellen. Die verschiedenen
Piecen werden dauerhaft, elegant und billig von mir gearbeitet. Schleswig
Diercks Zahnarzt" In der nächsten Ausgabe der Zeitung am 25.11.1863
veröffentlichte Neupert folgende Anzeige: "Die seit 1859 bekannt gewordene
Methode, künstliche Zähne in Kautschuk zu befestigen, wird, wo
sie zweckmäßig erscheint, auch stets von mir in Anwendung gebracht.
Jedoch kann ich diese Methode mit redlicher Überzeugung keineswegs
ausschließlich allen, sondern nur denjenigen Patienten empfehlen,
deren Individualität sich dazu eignet, und von denen Kautschukplatten
mit wahrhaft reellem Nutzen für die Dauer getragen werden können.
Was die practische Anwendung etc. meiner Arbeiten im Fache der Zahntechnik
anbetrifft, so halte ich nicht für nöthig, diese nach einer 30jährigen
Praxis noch ferner empfehlen zu dürfen. Fr. Neupert Zahnarzt" Somit
steht fest, daß - schon 73 Jahre vor Neupert in Schleswig künstliche
Zähne eingesetzt wurden. - Philippsen und Petersen mit künstlichen
Zähnen die Kautschukprothesen meinten. - Diercks und Neupert gemeinsam
die Kautschukprothesen in Schleswig einführten. Das Verfahren, herausnehmbaren
Zahnersatz aus Kautschuk zu fertigen, ließ sich Goodyear Mitte des
19. Jahrhunderts in Amerika patentieren. 81) Neupert schilderte seine Vorteile
am 5.2.1865 so: "Künstliche Zähne mit Adhäsion (Saug- oder
Luftdruckplatten), bei denen alle früheren Befestigungen, welche häufig
schmerzhafte Entzündungen und die Zerstörung der gesunden Zähne
herbeiführten, durchaus wegfallen. Höchst bequem, dauerhaft und
praktisch zum Zerkäuen aller Speisen." 31 Damit gab es anfangs doch
einige Probleme, wie Neupert schon am 4.12.1864 feststellte: "Wenngleich
vielfach Klage darüber geführt wird, daß die Kautschukplatten
der jetzt nach amerikanischer Methode gefertigten künstlichen Zähne
durch ihre bedeutende Dicke sehr unbequem sind, mir auch dergleichen sehr
plumpe, selbst unsauber gearbeitete Piecen zur Erneuerung übergeben,
so sehe ich mich zu der Erklärung veranlaßt, daß die von
mir hergestellten Platten künstlicher Zähne diesen Uebelstand
nicht haben, ich im Gegentheil im Besitz der besten und zweckmäßigsten
amerikanischen Apparate im Stande bin, solche Platten von der Zartheit
und Dünne der früheren Goldplatten und dennoch bei gleicher Dünne
höchst bequem zu liefern." Wie man sieht, war Neupert ein eifriger
Zeitungs-Inserent, was damals üblich war, aber heute standesrechtlich
in dieser Form verboten ist.
"Nervtödten"
Das "Nervtödten" wurde ab 1883 in Kappeln von allen Zahnbehandlern
angeboten. Banneck machte dies mittels "Electricität". Hier Bild 5
In Schleswig wurde Nervtödten ab 1899 von Carl Schnittger angeboten.
Rezept für ein Mittel zum Nervtödten 82):
Ätzpaste: arsenige Säure mit Creosot und Opium
Gegen den Schmerz beim Nervtödten wird empfohlen::
Linim. Jodi Co. 30 gr.
Tinct. Opii 15 gr
Letzteres wird auf das Zahnfleisch gepinselt.
Amalgam und andere Plomben
Das Wort "Plombe" kommt von dem französischen Wort "plomb", was
Blei bedeutet. Die ersten Blei- und Goldfüllungen bot Weill im Jahre
13.12.1804 in Friedrichstadt an. Am 2.7.1851 setzte der Schleswiger Zahnarzt
Neupert folgende Annonce auf: "Neue weisse Zahnplombe Vermittelst dieser
Plombe, welche sich im Munde stets unverändert weiss erhält,
bin ich im Stande, jeden carieusen Zahn auf eine so vollkommenen Art auszufüllen,
dass dadurch die fernere Zerstörung des Zahnes unterbrochen und die
Entwicklung der gewöhnlich vorkommenden Zahnschmerzen behoben wird,
auch ein weggebrochenes Stück des Zahnes wieder daran zu formen und
so den fehlenden Theil künstlich zu ersetzen. Fr.Neupert Zahnarzt"
Hierbei handelte es sich mit größter Sicherheit um "Hill´s
Stopping" (Hills Füllung). Hill (1815-1874) war ein amerikanischer
Zahnarzt in Norwalk / Connecticut. Er brachte dieses Füllungsmaterial
1848 auf den Markt, das schnell weltweit 32 Verbreitung fand. Es bestand
aus Guttapercha, Ätzkalk, Quarz und Feldspat. Erst allmählich
erkannte man, daß es nur für provisorische Füllungen zu
gebrauchen war. 83) Der Wunsch nach einer "weissen Zahnplombe" ist auch
heute ungebrochen. Für die Schneidezähne ist dieser Wunsch in
Erfüllung gegangen, aber für die kaudrucktragenden Backenzähne
befinden sich die zahnfarbenen Kunststoff- und Porzellanfüllungen
noch in der Erprobungsphase. 84) Der Hofzahnarzt Stolley bot 1888 u.a.
Platin-Plomben, der Zahntechniker Bauer in Süderbrarup 1892 sogar
Emaille-Plomben an. Die ersten Amalgamplomben wurden am 30.6.1896 im Eiderstedter
und Stapelholmer Wochenblatt von dem Husumer Zahntechniker Habig angeboten.
Das Amalgam ist seit seiner Erfindung umstritten. In den USA gab es Mitte
des 19. Jahrhunderts sogar einen "Amalgamkrieg" unter den Zahnärzten.
Jeder Zahnarzt, der Amalgam verarbeitete, wurde aus der "American Society
of Dental Surgeons" ausgeschlossen, was 1856 zur Auflösung dieses
Verbandes führte. 85) 1891 wurde von einem Schleswiger Kaufmann "Dentin-Kitt",
1898 "Musche´s flüssiger Zahnkitt" zum Selbstplombieren angeboten.
Es gab verschieden Arten von Zahnkitt. Nachstehend das Rezept für
"schmerzstillenden Zahnkitt 86): Mastix 20 Nelkenöl 5 Schwefelkohlenstoff
50 Pulv. Bernstein 10 Pulv. Opium 10 Tannin 5 Man löst und mischt
in obiger Reihenfolge. (Hager)"
Weinstein
Weinstein war bis Anfang des 19. Jahrhunderts die falsche Bezeichnung
für Zahnstein. Levy (1817) und Wolff (1819) boten an, diesen zu entfernen.
Später war nur noch vom "Reinigen der Zähne" die Rede. Auf der
V. Jahresversammlung des Central-Vereines Deutscher Zahnärzte, abgehalten
zu Frankfurt am Main, vom 6. bis 8. Juli 1863, wurde den Teilnehmern u.a.
folgendes Thema vorgegeben: "Schadet der Zahnstein den Zähnen, wie
läßt er sich am sichersten und schonendsten entfernen und wie
dessen Wiederentstehen verhüten?" Der ehemalige Schleswiger und zu
diesem Zeitpunkt Flensburger Zahnarzt Besser trug dazu vor, daß er
nicht mit Bestimmtheit sagen könne, ob der Zahnstein den Zähnen
schade, da er die schönsten Zähne nach Entfernung des Zahnsteines
vorfand, er sei für Entfernung mit Instrumenten und hielt Reinlichkeit
für das beste Mittel zur Hintanhaltung des Wiederentstehens. 87)
Leichdörner
Leichdörner ist ein altes Wort für Hühneraugen. Es gibt
im Schleswiger Landesarchiv eine alte Akte 88) aus dem Jahre 1886, die
den Titel trägt: "Acta der Königlichen Regierung zu Schleswig
betreffend Zahnärzte Hühneraugen=Operateure". Der Titel beweist
(aus der Sicht der Verwaltung) die große Nähe der Zahnärzte
zu den Hühneraugenoperateuren. Zahnbehandler, die auch Hühneraugen
operierten, waren Lehmann (1789), Bernhardt (1790), Weill (1804), Wolff
(1818), Rubin (1819), Meyer (1820), David (1823) und Ahrendt (1827).
Kieferorthopädie
Kieferorthopädische Behandlung wurde im 19. Jahrhundert von dem
Zahnarzt Jacoby am 6.10.1824 S angeboten: "schiefgewachsene Zähne
bei Kindern bringt er in die Reihe, so, daß sie wieder mit den übrigen
gerade stehen." In Süderbrarup hatte der Zahntechniker Bauer am 22.12.1892
F die "Regulirung schiefgewachsener Zähne" in seinem Behandlungsangebot.
Hier Bild 6
Den Titel "Fachzahnarzt für Kieferorthopädie" konnte man erst seit 1934 erwerben. 89) Der erste Kieferorthopäde im Kreis Schleswig ist Dr.Peter-Uwe Pape seit 1973.
Verkauf von Mundpflegemitteln durch Zahnbehandler
Die Zahnbehandler waren anfangs nicht nur handwerklich tätig,
sondern verdienten sich ein Zubrot durch den Verkauf von Mundpflegemittel.
Lehmann bot 1789 verschiedene "Mittel zur Konservirung der Zähne"
an. Bernhardt offerierte 1790 ein "Zahnpulver, die Zähne damit zu
reinigen, die Schachtel kostet 1 Mark; ferner noch eine Tinctur, die losen
Zähne damit wieder vest zu machen, das Glas zu 1 Mark". Auch Weill
verkaufte 1804 Zahnpulver und Zahntropfen gegen Schmerzen. Danach bot bot
nur noch Bauer (1893) "Mundwasser, Zahnwasser, Zahnbürsten" an. Der
Zahn=Operateur Simonis tat 1790 darüberhinaus kund, daß "bei
ihm englische Bruchbänder von diversen Sorten zu haben" seien. Die
Zahnbehandler waren verpflichtet, die Zusammensetzung ihrer Verkaufsprodukte
dem Physikus 111a) zu offenbaren. 89a)
Sprechzeiten (für Arme)
Die Zahnbehandler in Kappeln und Süderbrarup kamen ohne feste
Sprechzeiten aus. Auch die niedergelassenen Zahnbehandler in Friedrichstadt
(Bufleb (1873), Schneider (1892), Bätjer (1894) gaben keine Sprechzeiten
an. Nur die reisenden Behandler ab 1871 boten in Friedrichstadt feste Sprechzeiten
an, wobei der erste - van Ameringen - feste Sprechzeiten nur für Unbemittelte
"Vormittags von 8-10 Uhr" offerierte, was bedeutete, daß "Bemittelte"
kommen konnten, wann sie wollten. Auch in Schleswig galten die ersten festen
Sprechzeiten den "Armen" : 1790 Operateur Bernhardt: "Arme ... müssen
sich ... des Morgens von 8 bis 9, und Nachmittags von 3 bis 4 Uhr einfinden."
Levy war 1817 von 12 bis 2 Uhr zu sprechen. In der Zeit von 1818 bis 1872
wurden in den Schleswiger Zeitungen keine festen Sprechzeiten inseriert
(Irrtum vorbehalten!). Erst der Schleswiger Zahnarzt Herchenröder
führte am 22.4.1873 wieder feste Sprechzeiten ein, natürlich
nur für Unbemittelte: "Täglich außer Montags und Dienstags
Morgens von 8-9 Uhr, unentgeltlich Sprechstunde für Zahn= und Mundkrankheiten
für Unbemittelte". Lich (1879), Lipski (1891), Martiens und Doll (1894)
und C.Schnittger (1895) zeigten auch Extra-Sprechstunden für Unbemittelte
an. Eyrich (1878) und Wiesendanger (1881) veröffentlichten zwar Sprechzeiten,
die sich aber nicht auf Unbemittelte bezogen. 35 Die Sprechzeiten unterschieden
sich im Prinzip nicht von den heutigen, doch muß davon ausgegangen
werden, daß "Bemittelte" kommen konnten, wann sie wollten.
Garantie
Am 7.8.1869 gab Zahnarzt Stein aus Kiel in Schleswig als erster Garantie
auf seine künstlichen Gebisse. Diesem Vorbild folgten Bufleb, Carstens,
v.d.Leck, Jacobsen, Bauer, Gang, Frau E.Schnittger und Carl Schnittger.
Gang präzisierte sogar seine Garantie: "garantire auf jede von mir
gemachte Plombe 5 Jahr". Die Schnittgers waren da vorsichtiger, denn sie
offerierten nur eine "Garantie auf sachgemäße Ausführung".
Logis
Die reisenden Zahnbehandler mußten bei ihrem Aufenthalt Räume
zum Wohnen und Arbeiten anmieten, was sie natürlich in den Zeitungen
bekanntgaben. Folgende Logis wurden in Schleswig häufig angegeben
(heutige Adresse in Klammern): "Hansen am Damm" bzw. "Hansen am Zoll" (Lollfuß
114). "Hotel Stadt Hamburg" (Lollfuß 108) "Hotel Stadt Kopenhagen"
(Lollfuß 67/69) "Ravens Hotel" (Stadtweg 19) "Stadt Flensburg" (Kornmarkt
9) Es wurden aber nicht nur Hotels, sondern auch Privatquartiere aufgesucht.
Gastgeber waren u.a. Witwen, Handwerker, Kaufleute und Chirurgen. Bevorzugte
Straße war der Lollfuß. In Friedrichstadt war das Hotel "Stadt
Hamburg" von Herrn Wilckens 1871 bis 1881 bevorzugte Adresse. In Süderstapel
war der Gastwirt Hollmer Anlaufpunkt für Zahnbehandler. Banneck aus
Kappeln stieg 1899 in Süderbrarup im "Angler Hof" ab. Da in Kappeln
keine reisenden Zahnbehandler nachgewiesen werden konnten, kann auch kein
Logis in Kappeln angegeben werden. Keine oder ungenaue Adressenangaben
kamen auch vor. In diesen Fällen logierten die Zahnbehandler in ihrem
Elternhause. - Der niedergelassene Zahnarzt Herchenröder gab nur in
seiner 1. Anzeige in Schleswig (31.12.1872) eine Adresse an, danach nicht
mehr. Dies brauchte er wahrscheinlich deshalb nicht, weil er im Hause seines
Vaters, der ein Frisörgeschäft betrieb, praktizierte. - Der reisende
Zahntechniker G.Feldtmann gab am 25.11.1875 als Adresse nur "Schleswig
No
107" an. Man könnte dies dahingehend interpretieren, daß er
sich in Schleswig nicht auskannte, aber im 7. Quartier No. 107 wohnte sein
Vater, der Töpfer Th. Feldtmann. - Der reisende Zahntechniker Chr.
Schmelzkopf aus Hamburg gab am 18.11.1890 in Friedrichstadt überhaupt
keine Adresse an, was nur dann erklärbar ist, wenn man weiß,
daß er bei seinem Vater Carl Schmelzkopf logierte, der den Beruf
des Kürschners ausübte. - Ungeklärt bleibt, wo Ahrendt 1827
in Friedrichstadt, Israel David 1842 und Diercks nach 1855 in Schleswig
wohnten.
Geheimmittel
Arcanum ist für die meisten Zeitgenossen heute ein unbekannter
Begriff. Selbst mit seiner deutschen Übersetzung "Geheimmittel" können
wir heute wenig anfangen. Berühmt waren
Electromotorische Zahnhalsbänder der Gebrüder Gehrig.
Hier eine Anzeige aus den Schleswiger Nachrichten vom 27.5.1870: "Für
zahnende Kinder! Nur allein die ächten electromotorischen Zahnhalsbänder
von Gebr. Gehrig. Hoflieferanten und Apotheker, Berlin, Besselstr. 16,
sind das einzige bewährte Mittel, Kindern das Zahnen leicht und schmerzlos
zu befördern, sowie die so häufig beim Zahnen auftretende Unruhe,
Zahnkrämpfe etc. stets rasch und sicher zu beseitigen, was Tausende
von Attesten hoher und höchster Personen bestätigen; diese Zahnhalsbänder
(Stück 1 M 20 Pf.) werden vielfach nachgemacht und wird daher ersucht,
beim Einkauf genau auf unsere Firma zu achten. Gebrüder Gehrig, Hoflieferanten
und Apotheker, Berlin, Besselstr. 16. In Schleswig ächt zu haben bei
August Neidhart." Jeder Zahnarzt wird auch heute noch von besorgten Müttern
um ein Mittel gegen das Zahnfieber oder die Zahnkrämpfe für ihre
Babies gebeten. Hoffmann-Axthelm 90) schrieb dazu folgendes: "Zahnfieber
ist ein "Temperaturanstieg als Begleiterscheinung beim Durchbruch der Milchzähne;
in der modernen Pädiatrie als Fehleinschätzung erkannt: Das Kleinkind
reagiert schon auf geringe Infekte mit ausgeprägten fieberhaften Erscheinungen,
deren erhöhter Stoffwechsel auch den Zahndurchbruch aktiviert. Die
fieberhafte Erkrankung ist nicht Folge, sondern Ursache eines beschleunigten
Zahndurchbruchs." Für den Autor waren die Zahnhalsbänder anfangs
ein Rätsel, da er sie vor Beginn seiner Recherchen nicht kannte. Insbesondere
fragte er sich, ob es sich um "Zahnhals-Bänder" oder "Zahn-Halsbänder"
handelte. Der Zusatz "electromotorisch" war total verwirrend. Leider war
der Anzeige auch keine Abbildung beigefügt. Bei Gabka und Zglinki
91) fand er die Auflösung dieses Rätsels: Es handelte sich bei
den Zahnhalsbändern um sogenannte Amulette, die als Bänder oder
Ketten um das Handgelenk oder den Hals gelegt wurden. Weitere Recherchen
ergaben, dass die Zahnhalsbänder der Gebr. Gehrig aus einem doppelten
Sammetstreifen bestanden, in welchem sich der Länge nach zwei übereinanderliegende,
mit Schwefel imprägnirte Leinwandstreifen befanden.
Am 1.9.1895 S fand sich auch ein Bild von sogenannten "Bernstein-Zahnperlen für zahnende Kinder", die "wirksamer als Zahnhalsbänder" gewesen sein sollten.
Hier Bild 7
Es gab noch andere Formen dieser Amulette, die u.a. auch gegen rheumatische
Zahnschmerzen wirken sollten. Am 26.7.1848 S wurde zum ersten Male ein
solches Amulett angeboten: -"Amalia Simis aus Hamburg empfiehlt ... Gummi=Zahnringe
für Kinder, welche das Zahnen befördern." Es folgten
- Galvano=electrische Rheumatismus = Ketten (27.9.1848 S)
- " Aechte Ohren = Magneten ... gegen Kopfleiden aller Art, rheumatische
Zahnschmerzen" (27.12.1848 S)
- Gichtketten mit Flußableitung ... auch gegen Zahnschmerz (16.5.
1876 F)
- 21.5.1878 (F): galvano=elektro=magnetische Bandage gegen ... Zahnschmerzen
- 4.7.1891F Volta-Kreuz: In Württemberg durften die Volta-Kreuze
nicht mehr öffentlich angepriesen werden. 92) Es handelte sich laut
Abbildung lediglich um ein Halsband mit Kreuz, was damals ein Verkaufsschlager
gewesen sein muß, denn es wurde dafür mit vielen Anzeigen geworben.
Die Zusätze "electro-, magneto-, galvano" können darauf hindeuten,
daß es sich um magnetische Metalle gehandelt haben könnte. Doch
könnte es sich auch um einen populären Zusatz gehandelt haben,
der heute seine Entsprechung in dem Wort "bio-" findet (z.B. Reiniger mit
Bio-Alkohol). Dies wird dadurch gestützt, daß Carl Pipgras am
3.4.1883 S sogar eine "Elektrische Zahnseife" anbot. Siehe auch das Kapitel
"Elektrizität"! Es war im 19. Jahrhundert außerdem üblich,
in den Zeitungen medizinische Geheimmittel mit den phantastischsten Versprechungen
anzupreisen, wie die beiden folgenden Anzeigen aus den Schleswiger Nachrichten
beweisen:
Zahnwasser (8.2.1891 S)
"Keine Zahnschmerzen mehr! 1000 Mark zahlen wir Demjenigen, welcher
bei Gebrauch von Goldmann´s Kaiser-Zahnwasser jemals wieder Zahnschmerzen
bekommt. Einziges Mittel zur Erhaltung schöner, weisser und gesunder
Zähne bis in das späteste Alter. Preis per Original-Flasche 1
Mark. S.Goldmann & Co., Breslau, Schuhbrücke 36. In Schleswig
nur allein echt zu haben bei M.Kutschmann; Friedrichsberg: Chr. Siehn."
Identische Anzeigen erschienen auch im Kappelner Schleiboten. 16.11.1878
S: "600 Mark zahle ich dem, der beim Gebrauch von Dr.Hartung´s Mund-
und Zahnwasser, a Flacon 1 Mark incl. Verpack. jemals wieder Zahnschmerzen
bekommt oder aus dem Munde riecht. (4 Flakons für 3 mark. Alleiniger
Versandt durch C.M. Schumacher. Stieglitz b. Berlin. Depots werden errichtet.-"
Im Jahre 1901 wurde ein Gesetz erlassen, das die Offenbarung von Geheimmitteln
vorschrieb. Medizinisch (un-)wirksame Mittel wurden danach in frei verkäufliche
Mittel, apotheken- und rezeptpflichtige Medikamente eingeteilt. Folgende
Mundwasser wurden inseriert:
Odoit (14.9.1875 F)
Salicylsäurehaltiges Mundwasser von E. Jeben, Hofapotheker in
Baden Baden (12.3.1876 S)
Dr. Scheibler (8.6.1878 S)
Dr. Hartung (16.11.1878 S)
Joh. Georg Kothe, Hoflieferant, Berlin (15.1.1880 S)
Goldmann´s Kaiser-Zahnwasser (8.2.1881 S)
Bergmann´s Zahnwasser (1884 S)
Anadontol - Mundwasser (1896 S)
Glycole (25.1.1897 S)
Kosmin-Mundwasser (16.3.1899 S)
Von Odoit ist die Zusammensetzung 94) bekannt: Es war eine Benzoe-
und Gewürznelkentinktur mit einer Spur von Perubalsam und sollte gegen
auch gegen Zahnschmerzen wirken.
Zahnpulver wurden seit 1790 S von Bernhardt angeboten. Sie bestanden meist aus Natriumbicarbonat (Backpulver), Veilchenwurzel und anderen aromatischen Stoffen.
Zahnpasten
wurden in Schleswig seit dem 6.7.1853 angeboten: "Pflege die Zähne
Einen angenehmen Mund erhält erst durch gesunde, weiße u. reinliche
Zähne seine volle Schönheit, Frische und Anziehungskraft u. hat
sich die nun seit 1863 eingeführte sanitätsbehördlich geprüfte
Zahnpasta (Odontine) aus der dreimal preisgekrönten Kgl. Bayr. Hofparfümerie=Fabrik
von C.D.Wunderlich am meisten Eingang verschafft, da sie die Zähne
glänzend weiß macht, dem Verderben der Zähne vorbeugt,
üblen Geruch entfernt und den Mund angenehm erfrischt. a 50 Pfg. G.W.Behrens,
Lollfuß=Drogerie" Die Rezeptur von Odontine 94) sah so aus: Odontine
des Dr. med Freiherr von Pelser-Berensberg: Aus Gewürznelken, rotem
Sandelholz, Spiritus, einigen Tropfen Pfefferminzöl und Fenchelöl.
Am 3.5.1854 bot Cetti=Tarone in einer umfangreichen Anzeige in Schleswig
eine Zahnreinigungsmasse, mit dem Namen "Anadoli" an. Er druckte auch das
dazugehörige Gutachten des ordentlichen Professors der Physik und
Chemie und königl. bair. Hofraths L.S. Dr.Kastner aus Erlangen (von
1850) und eine Beglaubigung des Nürnberger Magistrats (von 1851) ab.
Anadoli war eine orientalische Zahnreinigungsmasse bestehend aus einem
Gemisch von Seifenpulver, Stärkemehl, levantinischer Seifenwurzel
und ätherischen Ölen. Der Hersteller war Kreller in Nürnberg.
94) Weitere Zahnpasten:
- Zahnpasta des Herrn Dr.Suin de Boutemard, Arzt in Rheinsberg (6.7.1853
S)
- Waldheim Zahnseife und Zahnpasta (31.8.1884 S)
- Anadontol - Zahnpasta (1896 S)
- Kosmin Zahnpasta (1898 S)
Es gab damals auch eine Zahnpasta, die Morphium 95) enthielt, doch
wurde diese im Kreis Schleswig nicht angeboten.
Zahntincturen
wurden seit 1790 von Bernhardt angeboten. Am 13.12.1865 bot der Buchbinder
Garff in Friedrichstadt Tooth-Ache-Drops an. Ihre Zusammensetzung 94) war
ein Gemisch aus Cajeputöl, Rosmarinöl, amerikanischem Pfefferminzöl
und wasserfreiem Spiritus; der war Hersteller Prof. L. Wundram in Braunschweig.
Am 3.4.1850 S wurde von Cetti =Tarone "Dentifrice universel" angeboten.
Seine Gebrauchsanweisung wies es als eine Tinktur aus: "Der einfache Gebrauch
desselben ist, daß man 10 - 12 Tropfen auf wenig Baumwolle tröpfelt,
und letztere in die Seite des Ohres steckt, wo der Schmerz stattfindet."
In der Zahntechnischen Reform des Jahres 1899 ist auf Seite 132 ein
Rezept für "Dentifrice Cola:
Coca-Blätter 100,-
Alaum-Pulver 15,-
Cochenille 100,-
Alkohol 800,-"
Von 1869 bis 1873 F wurde Dr. Gustav Gräfström´s Svenska
tanddroppar angeboten. Sie bestanden aus Nelkenöl, Cajeputöl,
Pfefferminzöl, Chloroform, Essigäther, Kampher und waren mit
der erforderlichen Menge Rosanilin rotgefärbt 40 94). Sie galten als
ein Radikalmittel gegen nervöses Zahnweh und wurden von Heinr. Lion
in Breslau fabriziert.
Zahnwolle
Am 9.5.1866 F bot J.A.Rieses´s Witwe Zahnwolle zum Verkauf an.
Es könnte sich wie oben um eine Tinktur gehandelt haben, die auf Baumwolle
geträufelt wurde und entweder in den schmerzenden Zahn oder in das
Ohr gesteckt wurde. Am 15.1.1862 S wurde Dr. Pattison´s Gichtwatte
u.a. gegen rheumatische Zahnschmerzen angeboten. Am 2.12.1892 K wurde Cocainwatte
von Johs. Marten angeboten. (Im preußischen Amtsblatt Nr. 965, Stück
41 vom 19.9.1869 wurde bekanntgegeben, daß "Kokainwatte von Droguisten
auch nicht gegen Giftschein abgegeben werden darf.") Am 18.10.1899 K bot
der Drogist Herm. Kählert in Süderbrarup "Kropp´s Zahnwatte"
(20% Carvacrolwatte) gegen den Zahnschmerz hohler Zähne an. Carvacrol
ist ein Isomer des Thymols, bakterizid und wurde auch gegen Bandwürmer
eingesetzt. 96)
7. Weitere Schmerzmittel 97)
1884 wurde die erste Augenoperation von dem Wiener Augenarzt Carl Koller
(1857-1944) unter Lokalanästhesie mit Kokain durchgeführt. Das
nicht süchtig machende Lokalanästhetikum Benzocain (Anästhesin
R) gab es seit 1902. Seit 1887 gab es Phenacetin, Heroin seit 1898, Aspirin
seit 1899. Am 7.2. 1866 F wurde Feytona gegen Zahnschmerzen angeboten.
Feyton(i)a war eine Lösung von Kampfer in Kajeputöl und Chloroform
nebst einer Spur von Nelkenöl. 94) Als weiteres Mittel gegen Zahnschmerzen
wurde am 5.11.1886 F der "Anker-Pain-Expeller" angeboten. Seine Zusammensetzung
war: Span. Pfeffer 3 g, Kampfer 1,5 g, Rosmarin-, Thymian-, Lavendelöl
zus. 2,5 g, Melissenwasser 15 g, Pfefferminzwasser 10 g, Salmiakgeist 8
g, med. Seife 1 g und Weingeist 44 g. 98) Dem medizinisch Gebildeten ist
sofort klar, daß keiner seiner Inhaltsstoffe Zahnschmerzen beseitigen
kann. Auch hier wurde nur ein schwacher Effekt durch "Ablenkung" erziehlt,
denn dieses Mittel brannte sicherlich höllisch im Mund. In "Gehes
Codex" wurde er noch bis 1960 aufgeführt. 99) Siehe auch das Kapitel
"Behandlung ohne Betäubung! Zwischen 1892 und 1895 wurde Dentila angeboten,
das mehrere Hersteller hatte. Ihre Zusammensetzung war : Myrrhentinktur,
Löffelkrautspiritus, Ratanhiatinktur, Pfefferminzöl und Nelkenöl.
94) Daneben gab es auch Dentin (1893 S) und Dentalin (1885 S). 8. Zahnpillen
wurden im Kreis Schleswig nicht angeboten. Sie wurden aus Belladonna (Tollkirsche),
Opium, Nelken= und Cajeputöl bereitet und bei Zahnschmerz in den hohlen
Zahn gelegt. 19)
Rezepte
Seidelbastpflaster Das folgende Bild zeigt aus Wilhelm Buschs Geschichte "Der hohle Zahn":
Es handelte sich dabei um das sogenannte "Seidelbastpflaster mit Kanthariden (Emplastrum mezerei cantharidatum, Drouotisches Pflaster)". In der Taxe für Barbiere findet man es unter der Position 9: "Anlegen eines Blasenpflasters, Senfpflasters, des Seidelbastes u. dgl." "Dies Pflaster wird meist gegen Zahnschmerzen hinter dem Ohr getragen, auf zarter Haut zieht es ebenfalls eine Blase." Zu seiner Herstellung "werden 30 Teile Spanische Fliege und 10 Teile Seidelbastrinde acht Tage mit 100 Teilen Essigäther ausgezogen; in der filtrierten Tinctur löst man 4 Teile Sandarach, 2 Teile Elemi und 2 Teile Kolophonium und streicht sie dann auf Taft, der vorher mit einer Lösung von 20 Teilen Hausenblase in 200 Teilen Wasser und 50 Teilen Spiritus überzogen worden war." 19) Zur Erläuterung: "Spanische Fliege" ist ein südeuropäischer Käfer, der, getötet, getrocknet und zu einem Pulver verrieben, auch als Potenzmittel galt. Es erzeugte eine lang anhaltende Erektion beim Manne, aber auch einen schweren Nierenschaden. Der Seidelbast ist eine heimische Giftpflanze. Sandarach ist der alte Name für Realgar. Sein chemischer Name ist Arsensulfid. 42 Elemi wird aus Balsambäumen gewonnen. Die Hausenblase ist die innere Haut der Schwimmblase eines großen Störs. Auch bei diesem Pflaster handelt es sich wie bei der "Fontanelle" (siehe Taxe der Barbiere) um den Versuch, den Zahnschmerz "abzuleiten", was eigentlich nur eine "Ablenkung" des Patienten ist. Die populärste Form der Ablenkung ist heute die Akupunktur. Ablenkung ist beim klassischen Zahnschmerz völlig unwirksam, was jeder geplagte Patient bestätigen kann
Fomentationen oder Bähungen
Auf einem Bild des dänischen Malers Carl Bloch aus dem Jahre 1871100)
ist ein Mönch zu sehen, der mit einem Tuch einen flachen viereckigen
Beutel an der schmerzhafte Backe fixiert.
Hierbei handelte es sich um "kleine, von Leinen oder Baumwollstoff verfertigte Säckchen, welche mit wohlriechenden, zerteilend oder krampfstillend wirkenden Kräutern (Kamillen, Lavendel, Majoran, Pfefferminze u.a.) angefüllt, dann durchnäht, mäßig erwärmt zur Bedeckung kranker Körperteile dienen... Diese ... Bähungen wendet man vorzugsweise als Zerteilungs=, oder Reifungsmittel bei Entzündungen des Unterhautzellgewebes und der oberflächlichen Drüsen an, indem durch die von ihnen bewirkte Gefäßerweiterung entzündliche Infiltrationen zerteilt oder ihr Übergang in Eiterung befördert wird." 101) Abgerechnet wurde über die Position 17 der Gebührenordnung der Barbiere: Fomentationen.
"Zahnfleischlatwerge"
Am 8.9.1802 wurde im Ditmarser und Eiderstedter Boten ein "Mittel gegen
den übeln Geruch aus dem Munde, oder den stinkenden Athem" vorgestellt:
"Nimm: Salbei, 1 Loth
Rosenblätter, Gewürznelken, von jedem 2 Quentin Auserlesene
Zimmet, 1 Quentin
Muskatnuß, 1 Stück
Moschus, 1 Gran
Mache alles zum feinsten Pulver, und bereite daraus mit einem hinlänglichen
Zusatz von reinem Honig eine Latwerge. Von diesem Mittel streicht man täglich
ein wenig an das Zahnfleisch, oder verschluckt es, wenn man Gründe
hat, zu glauben, daß der üble Geruch aus dem Magen herrühre."
Latwerge ist eine veraltete Arzneiform, die eine Mischung aus Pulvern
und Pflanzenmus oder Sirup beinhaltet. 96)
1 Lot wog 4 Quentin bzw. 240 Gran und entsprach 15,1 Gramm.
Der Autor ließ sich dieses Mittel zubereiten. Das Ergebnis war:
Es hat die Konsistenz von Marzipan, wird aber mit der Zeit immer härter,
sieht aus wie Kot, riecht fast nur nach Nelkenöl und läßt
sich im Mund nicht verstreichen wie versprochen. Der einzige Bestandteil,
der auf das Zahnfleisch eine medizinisch gewünschte Wirkung entfalten
könnte, ist der Salbei, der eine adstringierende Wirkung hat. Bei
einer zahnärztlichen Fortbildung über die medikamentöse
Therapie der Zahnfleischentzündungen stellte es der Autor einigen
Kollegen vor, die eine völlig andere Verwendung dafür fanden:
Kaffee und Tee lassen sich damit angenehm aromatisieren. Aber Vorsicht:
Der Verzehr größerer Mengen dieser Latwerge auf einmal kann
zum Tode führen, da 1 Stück Muskatnuß bereits die tödliche
Dosis des Alkaloids Myristizin enthält.
Dr.Dolls Mundwasser
Durch einen Hinweis von Dolls Enkelin Frau Klekow fand der Autor in
der Altstadtapotheke ein Rezept für "Dr.Dolls Mundwasser". Es stammt
aus der Zeit vor 1930, und seine Rezeptur ist: Rp. Thymol 0,5
Menthol 2,0 Ol.
Menth. pip. 3,0 Ol.
Anisi 1,0 Tct.
Ratanhiae 40,0
Spir. coloniensis 20,0
Spiritus 110,0
Saccharini 0,15
Aqua dest. ad 300,0
"Spir. coloniensis" ist "Kölnisch Wasser" und gar nicht so geheim.
Rp. Ol. Rosmarini 0,25 Ol.
Lavendel. 0,25 Ol.
Citri 3,75 Ol.
Bergamott. 2,5 Ol.
Amaranthii flor. 0,3
Spiritus 35,0
Der Autor probierte Dolls Mundwasser aus. Hier ist sein Facit: Es muß
mit Wasser verdünnt werden, schmeckt angenehm und erfrischend. Nachteilig
ist die rote Farbe von Ratanhia, die am Glas bzw. Waschbecken zurückbleibt.
Was die Herkunft dieses Rezeptes angeht, so stammt es sicher nicht von
Doll selbst, da er kein Spezialist für Pharmakologie war. In der "Zahntechnischen
Reform" des Jahres 1899 sind z.B. von Seite 376-382 neun verschiedene Rezepte
für Mundwasser abgedruckt. Mit großer Sicherheit hat er so ein
Rezept etwas abgeändert und unter seinem Namen in der Altstadtapotheke
hinterlegt.
Jüdische Zahnärzte
In dem Bericht des Schleswiger Magistrats an den Statthalter vom 28.4.1804,
der am 15.10.1803 angefordert worden war, wurde den Juden empfohlen, Künstler,
Kupferstecher, Maler, Bildhauer, Juwelier, Petschaftstecher oder Zahnarzt
zu werden, wofür keine Zunftinnung bestand. 102) David (1802), Weill
(1804), Levy (1817), Levi alias Levestamm (1818), Moresco (1820), Hirsch
Meyer (1820), Jahn Jacoby (1817), Salomon Jacoby (1822), Mendelson (1842),
van Ameringen (1871), Seligmann ? (1871) und Zuckermann (1899) befolgten
diese "Empfehlung". Am 5.3.1856 wurde in Friedrichstadt, am Ort der größten
jüdischen Gemeinde im Herzogtum Schleswig, vom dänischen (!)
König eine Verordnung veröffentlicht, "betreffend die Verhältnisse
der Juden". Die Quintessenz dieser Verordnung besagte, daß sich Juden,
die keine Heimatrechte besaßen, ohne königlichen Schutzbrief
bei hoher Strafe nicht länger als 14 Tage an einem Orte aufhalten
durften. Jede Verlängerung mußte beim Magistrat der Stadt neu
beantragt werden. Auch wer einen Juden unerlaubt beherbergte, wurde hoch
bestraft. Folgende Zahnärzte hatten vermutlich königliche Schutzbriefe:
Levi alias Levestamm und Moresco waren dänische Hofzahnärzte,
Mendelson bezeichnete sich als "früherer Zahnarzt des hochsel. Königs
Christian VII." . Ihren mosaischen Glauben haben Moses Salomon Levi und
vermutlich auch Salomon Jacoby abgelegt.
Hofzahnärzte
Wie man 1801 zu dem Titel eines (dän.) Hofzahnarztes kommen konnte,
wird im Kapitel über Moses Salomon Levi geschildert. Weitere Hofzahnärzte
waren : Leopold, 1806 preußischer Hofzahnarzt. Manini, 1806 dänischer
Hofzahnarzt. Moresco, 1826 dänischer Hofzahnarzt. Stolley, 1872 Hrzl.
Glücksburg. Hofzahnarzt . Greve, Dr. phil., 1909 Hofzahnarzt in München,
Ernennung durch Herzog Karl Theodor . Über den Titel des Hofzahnarztes
machten sich die Zahntechniker 1877 wie folgt lustig 103): "Hofzahnärzte
sind eine gottbegnadete Klasse unter den Menschen, aber es ist vielleicht
noch keinem dieser Herren der Nonsens aufgefallen, der in diesem Titel
liegt. Es giebt Hofschlächter, Hofschuster, Hoflieferanten, aber es
giebt keine Hofärzte; der Titel kommt also Handwerkern und Kaufleuten
zu."1881 wurde auch der erste Zahnkünstler mit dem Zusatz "Hof" aufgewertet.
Es war F.Donop in Berlin, dem das Prädikat "Fürstlich Lippe´scher
Hofzahnkünstler" verliehen wurde. 104)
Instrumentenmacher
Am 28.12.1842 erschien in der Beilage zu Nr. 52 des Kgl. priv. Schleswiger
Intelligenzblattes folgende Anzeige: "Ein Besteck mit Instrumenten ist
verloren gegangen. Der Finder wird ersucht, solches wieder abzuliefern
an den Zahnarzt David" Dies war bestimmt sehr unangenehm für David.
Es gab seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zwar schon einige Dentalfirmen
105) in Deutschland wie "Ash & Sons", aber die Anfertigung (zahn-)
ärztlicher Instrumente wurde auch bei den ortsansässigen Instrumentenmachern
in Auftrag gegeben. 106) In Schleswig inserierten folgende Instrumentenmacher:
29.7.1840 und 5.8.1840: "Das bisher vom Herrn Zahnarzt Besser in meinem
Hause bewohnte Local wird zu Michaelis d. J. mietfrei. W. Hinrichsen, Instrumentenmacher,
beim Dom" 16.4.1847 : "Einem geehrten Publikum die ergebene Anzeige, daß
ich mich hieselbst als 46 chirurgischer Instrumentenmacher etablirt habe
und alle Arten sonstiger Instrumente schleife und polire. Indem ich meinen
Freunden und Gönnern diese ergebene Anzeige mache, verspreche ich
prompte und reelle Bedienung. L.Bostrup, wohnte bei dem Herrn Musikus Müller
in der Michaelisstr." Adreßbuch Schleswig von 1869: "Jenter, M.,
Verfertiger von chirurgischen Instrumenten, Bandagen und Schneidewerkzeugen,
Lollfuß"
Geschäfte, die Mundpflegemittel verkauften
Diese Liste ist nicht vollständig, da bei der Durchsicht der Zeitungsanzeigen
zwar immer das Produkt, aber nicht alle Händler erfaßt wurden.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts gab "Cetti-Tarone" die meisten Anzeigen
auf. Er wohnte im Stadtweg 29. Bei Skierka 107) ist eine Abbildung dieses
Hauses zu finden. Cetti-Tarone handelte auch mit Galanterie=, Porzellan=,
Crystal=, Parfumerie=, Bijouterie= und Uhrenwaren. 108) Die Jahreszahlen
bezeichnen das erste Jahr, in dem von diesem Händler eine Anzeige
gefunden wurde.
Schleswig J.H.Zeitler "Im Friedrichsberg N.207." 1819
Cetti-Tarone 1841
J.Neddermeyer. 1852
Conr. Langenheim. 1856
Chr. Fehr 1860
Lautenbach. 1862
H.Graul. 1876
Hof=Apotheke. 1880
August Neidhart. 1880
M.Kutschmann; 1881
Chr. Siehn "im Friedrichsberg" 1881
Carl Pipgras.1883
Georg Coste Nachf. 1891
R.Dahl. "in den Hühnerhäusern" 1892
G.W.Behrens, Lollfuß Drogerie 1898
Friedrichstadt
Kgl. privil. Adler=Apotheke 1896
Drogenhandlung 1896
Garff, Buchbinder 1865
P.Johannsen 1891
J.A.Rieses´s Witwe 1866
Kappeln
J.H.Kruse 1883
D.Jebens, Schmiedestr. 1890
Johs. Marten in Kappeln. 1892
Süderbrarup
Drogerie Herm. Kählert 1899
Auswärtige Händler und Fabrikanten
- Stoppani et Rebuschini, Rendsburg, Zahnbürsten 1819
- J. T. Goldberger in Tarnowitz, im Oberschl. Bergbezirk, Fabrik von
electro = magnetischen Apparaten, 1848
- Dr.Suin de Boutemand, Rheinsberg, Zahnpasta, 1853
- Kgl. Bayr. Hofparfümerie=Fabrik von C.D.Wunderlich , Zahnpasta
Odontine, 1853
- Kreller, Nürnberg, Produzent von Anadoli, 1854
- Gbr. Gehrig, Apotheker 1. Classe in Berlin, Besselstr. 16., Zahnhalsbänder,
1860
- Aug.J.Wolff & Co, Copenhagen, Vertrieb für o.a. Zahnhalsbänder,
1860
- Ringk & Comp. in Schaffhausen, Hauptdepot für Dr.Pattison´s
Gichtwatte, 1862
- L. Wundram, Braunschweig, Tooth-Ache-Drops 1865
- Ernst Jeben, Hofapotheker Baden Baden", Salicylsäure-Präparate,
1876
- Dr. Scheiblers Mundwasser nach Vorschrift des geh. Sanitätsrath
Dr. Burow, Anstalt für künstl. Badesurrogate von W. Neudorff
u. Cie. in Königsberg i. Pr., 1878
- C.M. Schumacher., Stieglitz b. Berlin, Versandt von Dr.Hartung´s
Mund- und Zahnwasser, 1878
- Joh. Georg Kothe, Hoflieferant, Berlin S., Prinzenstr. 85, Zahnwasser,
1880
- Lion, Produzent von Dr. Gustav Gräfström´s Svenska
tanddroppar
- S.Goldmann & Co., Breslau, Schuhbrücke 36., Zahnwasser,
1881
- Gyps-Fabrik L.Mundt vorm. H.Kühne, Berlin SW, Lindenstr.69,
1881
- Bacteriologisch - Physiolog. Institut Dr. Piorkowski., Berlin, N.
W., Kosmin-Mundwasser-Prüfung, 1899
- P. Freygang Nachf. in Dresden N., elektrische Induktionsmaschine,
1899
Konflikte
In ihren Annoncen trugen die Zahnbehandler auch Konflikte aus. Zum
Beispiel erschien am 12.2.1818 im Ditmarser und Eiderstedter Boten folgende
Anzeige:
Schneider-Rubin
"Es wird hiermit bekannt gemacht, daß der vom Königl. Sanitäts=Kollegium
in Kiel approbirte Augen= und Zahnarzt Schneider sich eine kurze Zeit in
Tönning aufhalten und bei dem Herrn Chr. Lerow am Markte logiren wird;
wobei er sich in seiner Kunst dem geehrten Publikum hiedurch bestens empfiehlt.
Zugleich warnt er einen Jeden für einem Manne, Namens Rubin, welcher
in gleicher Kunst, ohne dazu authorisiert zu sein, sich zeither dem Publikum
empfohlen und praktisirt hat. Schneider" Der betroffene Rubin ignorierte
diesen Angriff, denn seine Anzeige vom 3.6.1819 lautete so:"Ich Unterzeichneter,
von dem Königl. Sanitäts=Collegio approbirter Chirurgus, Zahn=
und Augen=Arzt, werde mich zur Ausübung meiner Kunst einige Zeit in
Tönning aufhalten, und logire daselbst bei dem Herrn C.P.Carstens
aus Norwegen.
Meine Kunst besteht in Folgendem:
1) Setze ich ganze Reihen Zähne ein, welche dieselben Dienste,
wie die natürlichen, leisten.
2) Nehme ich Hühneraugen oder Leichdörner ohne Schmerzen
und bluten heraus.
3) Verfertige ich ganz neu erfundene und sehr bequeme Bruchbänder.
Unterrichtet von den geschicktesten Männern in der Kunst der Chirurgie,
habe ich mich der Zähne= und der Augen=Gegenstände besonders
gewidmet. Da ich schon seit einigen Jahren in dieser Hinsicht in Rendsburg,
Kiel, Heide und Meldorf bekannt geworden, und jetzo daselbst Abonnement
habe; so ersuche ich diejenigen Herrschaften in Tönning, Garding,
Husum, Friedrichstadt und der umliegenden Gegend hiedurch, welche, um ihre
Zähne jährlich zu konserviren, bei mir zu abonniren geneigt sind,
sich bei mir zu melden, indem ich bestimmt verspreche, diese Gegenden zweimal
zu bereisen. Adolph Rubin, wohnhaft in Bramstedt."
Ob Rubin nun wirklich nicht "dazu authorisiert" war, solche Behandlungen
durchzuführen, kann im nachhinein nicht entschieden werden. Tatsache
ist aber, daß Schneider selbst Probleme wegen seiner Zulassung hatte.
225 a)
Jessen-Schröder
In Friedrichstadt tobte ein weiterer Konflikt zwischen zwei Barbieren
. Der Chirurg Jessen wehrte am 28.12.1821 und am 3.1.1822 gleichzeitig
mit seiner Praxiseröffnung die Angriffe eines Kollegen ab: "Einem
geehrten Publikum mache ich hiedurch die ergebene Anzeige, daß ich
mich entschlossen habe, bei der Frau Witwe C.M.Peters hieselbst eine Barbierstube
anzulegen; da ich denn sowol in dieser Hinsicht, als in der Bedienung im
chirurgischen Fache, mich bestens empfehle. Friedrichstadt, den 18ten Dec.
1821 J.T.Jessen. Barbier und Chirurg. Da der gewesene Barbiergesell Schröder
sich unterstanden hat, öffentlich ins Wochenblatt einsetzen zu lassen,
daß er mir die Chirurgie=Praxis verbieten wollte; so halte und erkläre
ich solches für ganz lächerlich; - übrigens werde ich mich
wohl hüten, daß ich ein Arm= oder Beinbruch nicht verletze oder
ganz verpfusche, welches schon der Fall gewesen ist mit - Friedrichstadt,
den 30sten Dec. 1821. Jessen" Mit dem Gedankenstrich am Ende des Satzes
"... der Fall gewesen ist -" meinte Jessen wohl seinen Kontrahenten Schröder.
Herchenröder-Neupert
Den dritten bekanntgeworden Konflikt löste der junge Schleswiger
Zahnarzt Herchenröder aus, der sich gegenüber seinem älteren
Kollegen Neupert dadurch zu profilieren suchte, daß er sein soziales
Engagement besonders herausstellte. Seine Anzeige am 22.4.1873 lautete
so: Täglich außer Montags und Dienstags Mor= gens von 8-9 Uhr,
unentgeltlich Sprech= stunde für Zahn= und Mundkrankheiten für
Unbemittelte Zahnarzt B.Herchenröder 49 Direkt unter Herchenröders
Anzeige konterte Neupert folgendermaßen: Mehrere desfällige
Anfragen veran= lassen mich zu der Erklärung, dass ich seit einer
30 jährigen Praxis, Unbemi= ttelten zu jeder Tageszeit unent= geldlich
Rathschläge ertheilt und er= forderliche Operationen bei denselben
vor= genommen. Auch Bemittelte habe ich für alleinige Besprechungen
nie Ho= norar abverlangt. Fr. Neupert, Zahnarzt Zahnarzt Fr.Neupert ist
stets in Schleswig anwesend.
Daß zweimal "Fr.Neupert Zahnarzt" abgedruckt wurde, lag daran, daß die Zeitung seine wöchentliche Kleinanzeige mit seiner einmaligen "Erklärung" mischte. Mit dem Satz "ist stets in Schleswig anwesend" streute er Salz in Herchenröders Wunde, denn dieser konnte allein von seinen Schleswiger Patienten nicht leben. Er war darauf angewiesen, montags und dienstags in andere Städte zu reisen. Mit der Hervorhebung seiner "unentgeltlichen Sprechstunde" beging Herchenröder vermutlich einen Fehler. Denn so hatte er zwar immer ein volles Wartezimmer, aber gefüllt mit zahlungsunfähigen Patienten. Vielleicht konnte er sich deshalb nicht lange in Schleswig halten.
Dörfer - Lich (1884)
"Zahnarzt Dörfer in Rendsburg ist, weil er am 25.Dezember v.J.
in einem Bierlokal den Zahnkünstler H.Lich in Rendsburg einen Pfuscher
resp. Churpfuscher genannt (Lich war in dem Lokale nicht anwesend gewesen),
vom Schöffengericht in Rendsburg zu 50 Mark Strafe , event. 5 Tagen
Gefängnis, und in die Kosten verurteilt worden. Kollege Lich beantragte
300 M Strafe, weil die beleidigende Äusserung in einem öffentlichen
Lokale gefallen sei. Das Schöffengericht glaubte aber dem Lokale den
Charakter der Öffentlichkeit absprechen zu müssen, weil zufällig
zur Zeit der Unterhaltung keine weiteren Personen dort anwesend waren.
In der Voraussetzung, dass etwa der Herr Dörfer den Beweis der Wahrheit
antreten würde, hatte Kollege Lich sich ein Verzeichnis aus einem
Journal von solchen Fällen gemacht, in denen er in der Lage war, Arbeiten
des Zahnarztes Dörfer zu verbessern resp. von Fällen, in denen
Patienten sich über mangelhafte Ausführung der Behandlung beklagten.
Es bot sich auch dem Anwalte des Kollegen Lich während der Verhandlung
Gelegenheit, dem Gerichte einzelne dieser Fälle zu unterbreiten, wohingegen
Herr Dörfer seine beleidigende Äusserung nur damit zu verteidigen
glaubte, dass er es als gebräuchlich hinstellt, uns so zu bezeichnen.
Vom Vorsitzenden wurde er eines anderen belehrt. Wenn alle Kollegen sich
bestreben, sich immer zu vervollkommnen und sich durch gute Leistungen
und durch Bescheidenheit Sympathien zu erwerben, wenn sie sich endlich
von aller Kurpfuscherei fern halten, dann kann ein Urteil nie anders ausfallen.
Es lasse sich nur Niemand beschimpfen!" 109) 50 Der "Zahnrath-Waescher"
- Skandal
Am 23.9.1818 erschien im "Königlich-privilegirten Intelligenzblatt" von Schleswig folgende Anzeige:
"Der berühmte Zahnarzt ist hier!!!
Wenn gleich schon viele berühmte Hof= und Staats=Dentisten hier
gewesen sind; so schmeichelt Unterzeichneter sich dennoch mit der Hoffnung:
er werde nicht umsonst sein Schild aushängen; sondern ein höchstverehrliches
Publicum werde ihn gewiß mit seinem zahlreichen Zuspruch beehren,
sobald dasselbe nur erst von seinen fast miraculosen Curen und Qualitaeten
unterrichtet sein wird. Er hat in einer bekannten Anstalt gelernt, und
sich nachher sogar einige Zeit auf Universitaeten aufgehalten. Er kann
ohne Uebertreibung von sich sagen, daß er mehr wisse, als all seine
Collegen zusammengenommen, was hauptsächlich seinem auch schon allgemein
bekannten Forschungsgeiste zugeschrieben werden muß. Auch macht er
von seinen Erfahrungen den allgemeinsten Gebrauch, und es freut ihn recht
innerlich, allen seinen Patienten alles mitzutheilen, was er nur weiß,
und sie nur wissen mögen. Allein, für sich selbst zu reden, hilft
nicht viel; man muß andere reden lassen. Daher hat er sich auch mit
vieler Mühe eine bedeutende Menge Atteste zu verschaffen gewußt,
die er zum Theil sogar hat drucken lassen, damit sie desto mehr Aufsehen
machen. Nunmehro ist derselbe auf Recommendation hierher gekommen, nachdem
er zuvor examinibus feliciter peractis gezeigt hat quid valeant humeri,
quid ferre recusent 110), und auch noch selbst hierein recht auffallend
hat bemerken können, wie nothwendig Empfehlungen und Connexionen sind.
Er erbietet sich daher die erste Person, die sich in seine Cur begibt,
umsonst zu behandeln, wofür er sich bloß ein Attest erbittet,
und hofft daß, wenn so seine Geschicklichkeit nur erst öffentlich
bekannt gemacht sey, seine Praxis in vollen Gang kommen werde. Logirt in
der vergoldeten Posaune. Der Zahnrath Waescher."
Skierka 111) schrieb dazu: "Nun gab es keinen Gasthof dieses Namens in Schleswig. Das ganze stellte sich als Fiktion und Verspottung der Zensur heraus. Waescher wurde auf das Oberdirektorat zitiert, war aber nirgends aufzufinden. Buchhändler Christiani sollte Auskunft geben, wußte aber von nichts ... Der Gasthof "Die verguldete Trompete" (Gottorfstr. 3) konnte nicht gemeint sein. -"
Ist Skierkas Vermutung schlüssig? Daß der Herausgeber des Intelligenzblattes Christiani nicht gewußt haben wollte, wer der Inserent dieser Anzeige war, ist unglaubwürdig. Die Lösung dieses Rätsels könnte in zwei Anzeigen liegen, die ein halbes Jahr vorher aufgegeben und wiederholt wurden:
51 4.3.1818 und 11.3.1818: "Einem geehrten Publicum mache ich gehorsamst bekannt, daß ich Leichdörner oder Hühneraugen und im Fleisch verwachsene Nägel mit großer Leichtigkeit und Vorsicht operire; die desfallsigen besten Zeugnisse von bedeutenden Personen und bekannten einsichtsvollen Aerzten kann ich jederzeit vorzeigen. Mein hiesiger Aufenthalt ist nur kurze Zeit. Logirt bei Hansen am Damm. N.Wolff, koncessionirter Operateur."
Die Anzeige von Wolff hielt sich im üblichen Rahmen. Ungewöhnlich für Schleswiger (!) Verhältnisse aber war die Empfehlung, die Dr.Suadicani direkt daruntersetzte: "Die mir von Herrn Wolff vorgelegten Zeugnisse sind so ausgezeichnet vortheilhaft, daß ich ihn dem Publico zu empfehlen kein Bedenken trage. Suadicani, Dr. et Physicus."
Dazu muß man wissen, daß Dr. Suadicani ein sehr angesehener Mann war. Nach ihm ist heute sogar eine Straße in Schleswig benannt. Er war Physikus 111a) von Schleswig und ein "zur medicinischen und chirurgischen Praxis in den Herzogthümern Schleswig und Holstein" berechtigter Arzt. Er war Etatsrath, außerordentliches Mitglied des Königlichen Schleswig=Holsteinischen Sanitätscollegiums in Kiel und Ritter vom Danebrog. 112) Suadicani war also kein Mann, der es nötig hatte, sich seine Honorare durch einen dahergelaufenen Leichdornoperateur aufbessern zu lassen. Der Lösung könnte man näherkommen, wenn man sich fragt, wem diese Anzeige schaden konnte. Da kam nur das Barbieramt in Frage, denn die Dienstleistungen, die er bei Wolff so rühmte, gehörten in den Aufgabenbereich der niederen Chirurgen, der Barbiere also. Danach stellt sich der Sachverhalt vermutlich so dar: Suadicani übte in seiner Eigenschaft als Physikus auch eine Aufsicht über die Barbiere aus. Vielleicht war er sehr verärgert über die Barbiere, weil sie in seinen Augen schlechte Arbeit leisteten oder veraltete Methoden anwandten. Vielleicht hatte er es ihnen schon mehrmals persönlich gesagt, aber eine Besserung war nicht eingetreten. Sie direkt öffentlich anzuprangern, wagte er nicht. So machte er sie indirekt dadurch schlecht, daß er die Arbeit eines Fremden hochlobte. Der Stil der Anzeige Waeschers weist aber darauf hin, daß sie nicht aus der Feder eines Barbiers stammte. Mit Sicherheit war der Verfasser eine gebildete und einflußreiche Persönlichkeit in Schleswig. Dafür spricht zum einen das korrekte Latein 110) und zum anderen die Tatsache, daß es Waescher schaffte, einen anonymen Leserbrief - so muß man diesen Artikel wohl einordnen - zu veröffentlichen. Vermutlich hat er sich nur über Suadicanis Empfehlung lustig machen wollen. Daß der große Unbekannte sein Inkognito nicht lüftete, muß man ihm aber als Schwäche auslegen.
Doktor-Arbeiten
Es konnten vier Doktorarbeiten ausfindig gemacht werden. Die erste
113) stammte vom Schleswiger Physikus Suadicani. 111a) Er war kein Zahnarzt.
Ihr Thema lautete: "de remidiis praecipuis ad hernias incarceratas" . (Über
die wichtigsten Heilmittel bei eingeklemmten Leistenbrüchen.) Dr.phil.
Christian Greve arbeitete 1894 bei dem Schleswiger Zahnarzt Julius Doll.
Im selben Jahr promovierte er in Erlangen zum Dr.phil mit einem paläontologischen
Thema 114), das einen "...schützenswerten Beitrag zur weiteren Kenntnis
der Jura..." darstellte. 115) 1920 schrieb er noch eine Arbeit in Würzburg
mit dem Thema: "Die paradentalen Erkrankungen. Eine klinische Untersuchung".
116) Julius Doll erlangte den Doktorgrad 1921 als 53-jähriger Zahnarzt
in Kiel mit dem Thema: "Die Zahn- und Kieferanomalien der Pfleglinge in
der Provinzial-Idiotenanstalt Schleswig Hesterberg, ein Beitrag zu Idiotie
und Gebiss." 116)
Bücher
1806 gab der Zahnarzt Christian Gottlieb Heinrich Leopold eine kleine
Piece von 14 Seiten Umfang heraus: "Bemerkungen über Zweckmässiges
Verfahren bey Zahnoperationen." 117) Am 3.11.1819 S bot J.H. Zeitler im
Friedrichsberg 8.Q.No.207 die "Heilkunde für Zahnschmerzen, vorzüglich
aber für diejenigen, welche wünschen, den Zahn zu behalten, den
der Schmerz berührt." Der reisende Doctor der Chirurgie J.H.C. Rheinwald
(1833 S) veröffentlichte zwei Bücher 113): "Notizen für
Eltern und Erzieher, Über die wichtige Lebensepoche der Kinder, in
welcher sie die Zähne wechseln. 1stes Heft, 1821. Selbstverlag" "Noticen
für Zahnpatienten, über die verschiedenen Methoden der Einsetzung
künstlicher Zähne, deren gute u. nachtheilige Folgen der Wahrheit
gemäß dargestellt; nebst einigen Hauptregeln zur Erhaltung der
Zähne. Braunschweig; Meyer 1823 16 S. 80" Am 14.7.1852 S bot der Schleswiger
J.Neddermeyer das folgende Buch für den Preis von 10 ß an: "Die
Gesunderhaltung der Zähne in den vielen Wechselfällen des Lebens
praktisch dargestellt von H.Berghoff, Dr. Med. Namentlich sorgsamen Müttern
gewidmet, welche ihren Kindern die schönste Zierde und unabweisbarste
Nothwendigkeit, "gesunde Zähne," in´s Leben mitgeben zu wollen."
53 Auch der ehemalige Assistent des Schleswiger Zahnarztes Julius Doll
- Karl Bolten - veröffentlichte zwei Bücher 116): "Mundhygiene
im Kindesalter." "Die Zähne, ihre Erkrankungen, Behandlung und Pflege.
Volkstümlich beschrieben."
Wappen
In den Gerichtsprotokollen des Schleswiger Stadtgerichts 118) konnten
die Wappen von mehreren Barbieren gefunden werden, von denen hier zwei
vorgestellt werden. Das erste stammt vom Amtschirurgen Jacob Friedrich
Jacobsen (gest.1800) aus dem Jahre 1780 und zeigt im Schilde einen "wilden
Mann", mit der rechten Hand eine Keule auf dem Boden stützend, im
Schildfuß drei Figuren, deren Bedeutung nicht geklärt ist. Bei
seinem Vater, Cornelius Jacobsen, findet man einen "wilden Mann" mit geschulterter
Keule (ohne Abbildung). Das zweite Wappen ist ein typisches Barbiers-Wappen,
denn der Schild enthält drei Schröpfköpfe. Es gehörte
dem Schleswiger Amtschirurgen Johann d´Artenay (1750).
"Militair"
Welch hohes Ansehen das Militär in Deutschland genoß, mag
folgende Tatsache belegen 119): Es gab in Deutschland patriotisch eingestellte
Zahnärzte (Haun in Erfurt seit 1869 und Jessen in Straßburg
seit 1897), die in großem Stil Soldaten kostenlos (!) behandelten,
wofür sie lediglich den Titel "ehrenamtlicher Zahnarzt" erhielten.
So etwas war deshalb nötig, weil es so gut wie keine zahnärztliche
Versorgung der Soldaten gab. Daß auch für die "im Felde Verwundeten
und Erkrankten" von Staats wegen kaum gesorgt wurde, beweist die Spendenliste
vom 8.8.1866 im Beiblatt der Schleswiger Nachrichten, aus der hervorgeht,
daß der Zahnarzt Diercks zehn Schillinge und der Zahnarzt Neupert
einen Courantthaler spendete. 54 Am 10.6.1876 inserierte der Schleswiger
Zahnarzt Herchenröder: "Zahnarzt B.Herchenröder wegen Ableistung
einer militärischen Uebung in Monat Juni verhindert in Schleswig anwesend
zu sein. Wiederaufnahme der Tour Donnerstag den 6ten Juli." Laut Auskunft
von Dr. Claus-Dieter Schulz, Generalarzt a.D., vom 17.4.1995 muß
Herchenröder seine militärische Übung bei der Truppe abgeleistet
haben, da es damals noch keine beim Militär eingesetzten Zahnärzte
gab. Peter Friedrich Adolph Jacobsen (1871) , Carl Schnittger (1895) und
Heinrich Schnittger (1898) kamen direkt vom Militär, als sie sich
in Schleswig niederließen. Nach seiner Zeit bei Julius Doll absolvierte
Dr. phil. Greve 1894/95 ein einjähriges freiwilliges Dienstjahr beim
3. Hans. Inf. Reg..
Elektrizität
Die Elektrizität war im 19. Jahrhundert noch eine junge Technik.
Ihr wurden heilkräftige Wirkungen zugeschrieben, wie die beiden folgenden
Anzeigen beweisen: Die erste stammt von dem Schleswiger Zahnarzt Diercks
am 18.9.1850: "Die kräftigsten electro = magnetischen Apparate, welche
bisher in physiologischer Hinsicht angewandt wurden, sind die bekannten
Rotations = Apparate. Da dieselben aber sehr theuer anzuschaffen und Reparaturen
unterworfen sind, die nicht überall hergestellt werden können,
so wird vom Unterzeichneten eine neue Art galvano = magnetischer Apparate
verfertigt und empfohlen, wodurch die Rotationsapparate entbehrlich gemacht
werden. Diese neuen galvano = magnetischen Apparate eignen sich für
ärztliche Zwecke am allerbesten, und haben vor allen bisher bekannten
nachstehende Vorzüge:
1) Außerordentliche Wohlfeilheit. Hierdurch wird die Magnetelektrizität
mehrfachere Benutzung finden, da es jedem Arzte ohne große Opfer
möglich gemacht wird, die schon vorliegenden günstigen Erfahrungen
zum Wohle seiner Patienten und der Wissenschaft anzuwenden.
2) Der leichte Transport des verhältnismäßig kleinen
Apparats.
3) Die Wohlfeilheit der Unterhaltung, da hier nicht wie bei Rotations
= Maschinen kostspielige Reparaturen verfallen.
4) Die leichte Art und Weise der Anwendung, bei welcher keine zweite
Person erforderlich ist, wie bei den Rotations = Maschinen, denn wenn dieser
Apparat in Thätigkeit gesetzt ist, so wirkt er ohne Unterbrechung
fort; daher eine jede Person diesen Apparat ohne Beihülfe einer zweiten
bei sich selbst anwenden kann.
5) Was wohl zu beachten ist, die Kraft und Ausgiebigkeit derselben,
wodurch es möglich wird, selbst in einem ganzen Bade die Krankheit
zu electriciren.
6) Verderbung der Kleider, Tischdecken etc. ist bei einiger Vorsicht
nicht möglich, da bei der Anwendung keine Säuren benutzt werden.
Schließlich kann man diese galvano = magnetischen Apparate auch noch
zu chemischen Zersetzungen (z.B. Wasser in seine beiden Bestandtheile)
sowie auch zu galvano = plastischen Arbeiten, Vergoldungen, Versilberungen
etc. anwenden. Einige Apparate, die stets vorräthig gehalten werden,
stehen jeder Zeit zur Ansicht. Schleswig.
Diercks, Zahnarzt."
Am 18.3.1899 F erschien folgende Anzeige:
"Ungesunde! Die Heilkraft der Elektrizität ist wunderbar. Leidende
dürfen keinen Tag versäumen und sich sofort das Buch über
die Selbstbehandlung mit der preisgekrönten, glänzend bewährten
elektrischen Induktionsmaschine (Preis 24.50 und 28.50 Mark) von P. Freygang
Nachf. in Dresden N. per Postkarte bestellen. Dies Buch versendet die Firma
gratis und franko überall hin. Tausende glänzender Anerkennungen!"
Beide Inserenten hatten eigentlich nur eine mystische Vorstellung von
der Heilkraft der Elektrizität. Wäre es anders gewesen, so hätten
sie konkrete Anwendungsmöglichkeiten aufgezählt, um den Verkauf
zu steigern. Auch versuchte man, Zähne während der zahnärztlichen
Behandlung mit Elektrizität zu betäuben, wie die Anzeige des
Barbiers Gang am 20.5.1894 in Schleswig beweist. Auch Bauer in Süderbrarup
bot dies an. Der Höhepunkt war wohl Carl Pipgras´ Anzeige in
den Schleswiger Nachrichten vom 3.4.1883, als er eine "Elektrische Zahnseife"
zum Kauf anbot. Vermutlich war ein Magnet in der Seife oder ihrer Packung.
Humorvolles
"Im Jahre 1770 wurde in Frankreich unter der Regierung Ludwig XV folgendes
Edict erlassen: `Wer irgend einen männlichen Unterthan in den Staaten
Sr. Majestät durch rothe oder weisse Schminke, Parfüms, Essenzen,
künstliche Zähne, falsche Haare, Watte, Stahlcorsets, Reifröcke,
Schuhe mit hohen Hacken, oder falsche Hüften zur Eheschließung
verlockt, soll wegen Vorspiegelung falscher Tathsachen verklagt und zur
Eheschließung unfähig erklärt werden.´ Wenn heute
ein solch drakonisches Gesetz erlassen würde, bekämen wahrscheinlich
neun Zehntel der Männer keine Frauen ..." 120) "Erotische Cocainwirkungen
sind gewiss bereits öfter von Fachleuten beobachtet worden, wie uns
selbst einige Fälle mitgetheilt worden sind. Nach einer neueren Notiz
der "North Western Lancet", darf man die Möglichkeit nicht ausser
Acht lassen, dass starke geschlechtliche Erregung als Folge einer kleinen
Dosis des Mittels auftreten kann. Bei männlichen Personen ist dieses
weniger der Fall, wohl aber ist man Gefahren ausgesetzt, wenn man allein
mit weiblichen Personen operirt. Ein Arzt in Philadelphia fand bei einer
sehr bescheidenen Dame nach Injection von wenigen Tropfen einer zehnprozentigen
Cocainlösung, dass die junge Dame so erotisch erregt wurde, dass sie
sich in sehr unanständiger Weise betrug. Ein Dentist in St.Paul berichtete
über einen ähnlichen Fall. Man sollte daher vor Allem vermeiden,
bei Cocaininjectionen mit weiblichen Personen allein zu sein. 121)
Sonstige Anzeigen
An sonstigen Anzeigen, die einen Bezug zu Zahnbehandlern haben, fanden
sich in den Schleswiger Nachrichten: 27.7.1892: "Kaufe Gebisse Barned.
Nur zu treff. Dienst. u. Mittwoch 9-10 u. 2-4. Hotel Thor- halle. Anerb.
auch schriftl. Solche Anzeigen werden in den Jahren 1915 bis 1923 sehr
häufig. 14.2.1894: "Angehende Zahnärzte werden praktisch ausgebildet
und auf das Examen vorbereitet von Hofzahnarzt Stolley, Flensburg, Große
Str. 4" Mit Beginn des Jahres 1898 wurde im Eiderstedter und Stapelholmer
Wochenblatt zum ersten Male ein Zuckerersatzstoff, nämlich "Zuckerin"
angeboten.
Was es noch nicht gab
Folgende Dinge konnten im 19. Jahrhundert im Kreis Schleswig nicht
nachgewiesen werden:
- Zahnarzthelferinnen wurden wurden nicht erwähnt. Dies bedeutet
aber nur, daß für sie keine Stellenanzeigen aufgegeben wurden.
- Das Röntgengerät wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts
erfunden, aber im Kreis Schleswig von Zahnbehandlern noch nicht eingesetzt,
was die fehlenden Hinweise in ihren Anzeigen beweisen.
- Schulzahnuntersuchungen gab es im Kreis Schleswig erst seit 1938,
initiiert durch Dr.Herting. 122)
- Zahntechnische Labors, die nur Aufträge von Zahnärzten
und Dentisten ausführten und keine eigene Patientenbehandlung durchführten,
gab es in Schleswig erst nach dem 2. Weltkrieg. Alle Zahnbehandler hatten
demnach ihr eigenes Praxislabor.
- Der Zahnärzteverein des Kreises Schleswig existiert seit dem
29.5.1954.
- Der zahnärztlichen Notdienst wurde wahrscheinlich erst 1958
eingeführt, belegt durch die Zahlungen von Zahnarzt Gottfriedsen,
dem Kassenwart des Zahnärztevereins, an die Schleswiger Nachrichten
am 26.2.1958 .